Der Stausee und die Erdbebenkatastrophe

6. Februar 2009, 18:44
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Im Mai 2008 bebte in der südchinesischen Provinz Sichuan die Erde und tötete mehr als 70.000 Menschen - Seismologen behaupten nun, dass die Katastrophe durch den riesigen Zipingpu-Staudamm mitausgelöst wurde

New York - Die Geschichte klingt wie ein Sciencefiction-Thriller. Ingenieure bauen einen Damm, um Wasser in einem Tal zu stauen. Die Wassermasse lässt die Erde erzittern, zunächst unmerklich. Auf einmal zerreißt der Boden unter gewaltigem Donner. Ganze Großstädte werden zerstört.

In China ist offenbar genau das geschehen: Das katastrophale Erdbeben in Südchina am 12. Mai 2008, bei dem rund 70.000 Menschen starben, ist vermutlich von einem Stausee ausgelöst worden.

"Die Wassermassen haben die Störzone destabilisiert", erklärt der Seismologe Christian Klose von der Columbia University in New York im Gespräch mit dem Standard. Klose will in Kürze seine Studie publizieren. Das Wort "Staudamm" meidet er allerdings.

Der Stausee habe das "lokale Erdbebengeschehen klar beeinflusst", schrieben Geophysiker um Lei Xinglin von der chinesischen Erdbeben-Behörde kürzlich im Fachblatt Geology and Seismology. Und vorgestern meldete sich Fan Xiao, Chefingenieur des Geologischen Büros in Sichuan, zu Wort: "Ich sage nicht, dass das Beben ohne den Damm nicht auch ausgelöst worden wäre", so Fan gegenüber der Nachrichtenagentur AP. "Aber der Zipingpu-Damm könnte das Ausmaß und den Zeitpunkt des Bebens verändert haben."

Es scheint tatsächlich so, als hätte der Damm die lokale "Erdbeben-Uhr" massiv manipuliert. In der Region Sichuan verschieben sich die riesigen Gesteinsblöcke des Untergrunds, der aufgrund der nach Norden strebenden Indischen Erdplatte unter Druck steht, nämlich nur sehr langsam. Weshalb es dort nur alle paar tausend Jahre heftig bebt.

Der Zipingpu-Stausee, der in unmittelbarer Nähe einer spannungsgeladenen Gesteinsnaht erbaut wurde, könnte das Beben um Jahrhunderte "vorverlegt" haben. Als der Stausee 2006 geflutet war, hatte der See einen Pegel von 120 Metern. Damit lastete ein zusätzliches Gewicht von 320 Millionen Tonnen auf dem Untergrund, der entlang des Bruches verstärkt unter Druck geriet.

Verdächtige Gesteinsnähte

Das wiederum habe die Reibung der Gesteinsblöcke an der Naht vermindert, so Klose in seiner Analyse. Zugleich erhöhte sich die Spannung zwischen beiden Seiten des Bruches. Am 12. Mai 2008 hielt das Gestein dem Druck nicht mehr stand und brach: Das Epizentrum des Bebens war 550 Meter vom 156 Meter hohen Damm entfernt.

Einen Beleg für die These erkennt Klose auch in jenen Gesteinsnähten, die dem Beben standhielten. Ein Gesteinsbruch direkt unterhalb des Sees etwa bewegte sich nicht. Die Wassermassen hätten ihn "geschlossen und zusammengedrückt". Bei einem normalen Beben wäre auch diese Naht in Mitleidenschaft gezogen worden.

Der Untergrund sendete weitere verräterische Signale. Bei den tausenden von kleinen Nachbeben sei es um den See herum ruhig geblieben, berichtet Klose. Das sei ein Hinweis für den immensen Druck der Wasserauflast. Und er hat noch einen letzten Hinweis: Das Beben ereignete sich, nachdem Wasser besonders rasch abgelassen worden war. Die plötzliche Entlastung habe das Beben womöglich noch verstärkt. Die Spannung im Untergrund habe sich dadurch noch effektiver abbauen können.

Andere Beben durch Dämme

Schon mehrfach haben Stauseen den Boden erzittern lassen. Nachdem der Hoover Dam im US-Bundesstaat Nevada 1939 fertiggestellt war, kam die Region nicht mehr zur Ruhe - mehr als 600 Beben erschütterten sie. 1967 ließ das gewaltige Wasserreservoir hinter dem Koyna-Staudamm in Indien die Erde wackeln. Mehr als 200 Menschen starben.

Ob die chinesische Regierung die Katastrophe von Sichuan ebenfalls als menschengemacht bestätigen wird, erscheint ungewiss. Daten über Beben nahe des Stausees werden nicht herausgegeben. So müssen Seismologen den letzten Beweis noch schuldig bleiben. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Printausgabe, 07./08.02.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Zipingpu-Staudamm von oben. Einen halben Kilometer entfernt lag das Epizentrum des Erdbebens mit der Stärke 7,9.

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