Tiefgekühlter Rittersprung über norwegische Flüsse

9. Februar 2009, 18:34
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Das historische Berghotel Hindsaeter, 250 Kilometer nördlich von Oslo, hat eiskalt kalkuliert: Wer es im Winter bis hierher schafft, kann sich wahrscheinlich auch für Canyoning in gefrorenen Flüssen erwärmen

An einem Felsübersprung stoppt André Sundero, dreht eine Schraube ins Eis und zieht ein Seil durch einen Karabinerhaken. Dann seilt er seine Gäste nacheinander an einem gefroren Wasserfall ab, bis in eine winzige Höhle. Von der Decke hängen grün schimmernde Eiszapfen wie Orgelpfeifen bis auf den Boden, und am Ende der Gruft sitzen Eistürmchen mit spiegelblanken Bäuchen wie kleine Buddhas.

Draußen rumort die wilde Sjoa unter ihrer Eisdecke. Seit Jahrtausenden ist sie Herrscherin des Tals und unbändige Landschaftsarchitektin, gräbt kilometerbreite Flusstäler und fräst tiefe Spalten in die Felsen. So auch in der Schlucht am "Riddarsprang" bei Randsverk, 250 Kilometer nördlich von Oslo. Der Name "Rittersprung" stammt aus einer alten Sage. Der Ritter Sigvat soll seine Verfolger abgeschüttelt haben, als er mit Pferd und Frau im Sattel an der engsten Stelle über die tosende Schlucht sprang.

Vor 15 Jahren kletterte André, der Experte für norwegische Freizeitgestaltung, das erste Mal in die vereiste Schlucht. Seine Gäste fanden das so spannend, dass er seitdem die Begehung, sprich: Canyoning, auch im Winter anbietet. "So viel Schnee wie in diesem Jahr gab es seit 1951 nicht mehr", versichert er. Neulich musste er ihn vom Dach seines kleinen Hotels schaufeln, damit es nicht unter der Last einbricht. Es wäre schade, denn das historische Berghotel Hindsaeter - ein paar Felsen weiter südlich - wurde bereits 1898 gebaut.

Kronprinzen-Jugendherberge

Auch wenn das schmucklose Holzhaus von weitem aussieht wie eine Jugendherberge - es ist ein reiches Museum: Drinnen hängen noch Pfannen und Holzskier aus dem 19. Jahrhundert und alte Gemälde an den Wänden. Als einer der ersten Gäste wohnte Kronprinz Gustav, der spätere König von Schweden, im Zimmer 302. Wegen der guten Luft ist er gekommen - die ist so trocken, dass man selbst bei 15 Grad Minus nicht friert.

Wer es heute bis hierher schafft, unternimmt Langlauftouren oder stapft in Schneeschuhen auf einem der ersten dafür ausgeschilderten Trails in Norwegen durchs Naturreservat Stuttgonglie auf der anderen Seite des Flusses. Bei guter Sicht blickt man bis auf die Gipfel im Nationalpark Jotunheimen.

"Es ist eine mutige Entscheidung, in diesen Ort zu kommen", begrüßt André die neuen Gäste. "Kein Fernseher, kein Internet, kein Shopping. Oben auf dem Fjell sieht man nur die Spitzen der eigenen Skier, und wenn ihr meint, einen Menschen am Horizont zu erblicken, merkt ihr irgendwann, dass es nur eine Birke ist." Jetzt aber trägt der Hausherr bereits eine lange Schürze, ganz so, als wäre er Kellner in einem Osloer Trendlokal. Und in der Tat: So bemerkenswert wie die Weinkarte sind hier auch die "kulturhistorischen" Menüs, gewürzt mit Geschichten von früher und auf dem Teller: Schneehuhn, Rentierfilet oder Forelle aus dem Vågåsee - und natürlich Elch. Von dieser Delikatesse gibt es hier nämlich wieder reichlich.

Vor hundert Jahren war das Gebiet niederschlagsärmer, aber die Elche folgen immer wieder den alten Ziehwegen. Einer scheint über die Schlucht am "Riddarsprang" zu führen, André hat dort erst kürzlich die Knochen einer abgestürzten Kuh gefunden. Seitdem verhindert er mit einer Seilabsperrung, dass Tiere den Rittersprung nachahmen - denn lieber als im Restaurant beweist er die Rückkehr einer großen Population in der freien Natur: Wer frühmorgens mit ihm auf Elchsafari geht, hat so die besten Chancen, den König der Wälder hier wieder zu beobachten. (Monika Hippe/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.1.2009)

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