Erkenntnisdrang

6. Februar 2009, 18:02
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"Eine haarige Angelegenheit": Bizarrer Humor macht sich gelegentlich im "Kurier" breit - Denn wenn es gilt, grundlegende Fragen der Menschheit zu klären, kennt das Blatt kein Halten

Bizarrer Humor macht sich gelegentlich im "Kurier" breit. Die Seite war zwar mit Der schräge Montag überschrieben, weil das aber der Schräge eines Beitrages nicht ganz gerecht wurde, war dieser - Titel: Eine haarige Angelegenheit - auch noch unter IRR SINNIG rubriziert. So vorbereitet, konnte sich der Leser einem Problem stellen, das einen erwachsenen Redakteur nicht ruhig schlafen ließ. J. B. (Name im "Kurier" ausgeschrieben), der in der Vorwoche wegen Vierfachmordes zu nicht rechtskräftigen 20 Jahren verurteilt wurde, zeigt vor Gericht keine Reue, dafür aber die neuesten Trends auf dem Toupet- und Designerbrillen-Sektor. Warum setzt sich jemand generell so etwas auf?

Lässt sich schon diese simple Frage schier unmöglich beantworten, drängte sich dem Redakteur sofort eine weitere existenzielle Frage auf. Und im Speziellen nach der Gefangennahme, wenn er sein Aussehen ohnehin nicht mehr verschleiern muss? Vielleicht will der Mann einfach nicht erkannt werden, wenn er nach zwanzig Jahren wieder in die Gesellschaft eintritt. Aber über eine solche Möglichkeit zu besseren Resozialisierungschancen verschwendete der Chronist keinen Gedanken. Die scherten in eine überraschende Richtung aus: Interessant auch, dass J. B. den umgekehrten Weg wie Emmerich Danzer, Peter Fröhlich oder Sean Connery wählte - die haben nämlich das Toupet in den Kasten gelegt und gehen stolz oben ohne. Allerdings ohne zuvor als Vierfachmörder in Erscheinung getreten zu sein.

In der Hoffnung, dem Rätsel doch noch auf den Grund zu kommen, ward eine "Kurier"-Aktion gestartet, denn wenn es gilt, grundlegende Fragen der Menschheit zu klären, kennt das Blatt kein Halten. Wir haben B.s Frisur und Brille neun Mal gekauft und prominenten Glatzköpfen zum Geburtstag geschenkt. Wer ist wer? Das war nicht ernst, sondern mit einigem guten Willen höchstens metaphorisch zu nehmen, ist doch kaum zu glauben, dass sich der "Kurier" in Zeiten der Wirtschaftskrise durch den Kauf von neun Designerbrillen und ebenso vielen Toupets an den Rand des Ruins bringt. Ebenso wenig kann deren Verwendung als Geburtstagsgeschenke zutreffen, weil dann die neun prominenten Glatzköpfe zur selben Zeit Geburtstag haben müssten, was schon deshalb unglaubwürdig ist, weil nicht einmal bekannt ist, wann Meister Proper und Homer Simpson - zwei von ihnen - Geburtstag haben, von Gleichzeitigkeit ganz abgesehen. Wie die das Geschenk angenommen haben, wurde ebenso wenig klar, wie das, was der ganze Irrsinn überhaupt sollte.

Jedenfalls waren die neun prominenten Glatzköpfe, ergänzt um das Original J. B. und versehen mit den Geburtstagsgeschenken des "Kurier", neben dem Text abgebildet. Denn vergessen wir nicht, welcher Frage der "Kurier" mit dieser Aktion auf den Grund gehen wollte: Warum setzt sich jemand generell so etwas auf? Und offenbar setzte er auf die Hilfe seiner Leser. Denn um sie nicht schon an der Zusatzfrage Wer ist wer? scheitern zu lassen, schrieb man die Namen der toupierten und bebrillten Glatzköpfe gleich unter die jeweiligen Fotos, zwar verkehrt, aber leicht zu lesen.

An Schall und Rauch sollte die Beantwortung der Frage nicht scheitern, vielmehr sollte allein die Ausstattungsmarotte eines Vierfachmörders den Weg zu Erkenntnis frei machen. Der kleine Haken dabei war, dass sich die Frage Warum setzt sich jemand generell so etwas auf? ausgerechnet am Beispiel von Personen zur Diskussion gestellt wird, die dafür bekannt sind, so etwas nicht aufzusetzen, anders hätten sie es kaum zu einiger Prominenz als Glatzköpfe gebracht.

Die Logik, die diesem Wissensdrang zugrunde liegt, ist ebenso schwer zu fassen, wie der Humor, für dessen Exekution ein wegen Vierfachmordes nichtrechtskräftig Verurteilter herhalten muss. Zur Klärung der Frage, warum er sich so darstellte, werden auch Bruce Willis, "Kojak" Savalas, Michi Walchhofer und Alexander Goebel, ausgestattet mit den Geburtstagsgeschenken des "Kurier", nichts beitragen können. Wenigstens kam der gute Geschmack nicht zu kurz: Auch der Dalai Lama durfte mit Toupet und Designerbrille des Vierfachmörders, wenn schon nicht der Erkenntnis, so doch dem feinen Witz eine Gasse bahnen.

Nach so viel Philosophie eine Prise Realität aus "News". Eine Mitternachtsquadrille ohne ihn? In Wien undenkbar. Trotzdem setzte Holender ihn vor die Tür. Aber Thomas Schäfer-Elmayer rächt sich furchtbar. Er straft den Ball mit Ignoranz. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe 7./8.2.2009)

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    "Kurier"-Aktion:" Wir haben B.s Frisur und Brille neun Mal gekauft und prominenten Glatzköpfen zum Geburtstag geschenkt. Wer ist wer?"

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