Unheimliche Familien

6. Februar 2009, 17:58
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Berlinale: Kate Winslet in "Der Vorleser" und François Ozons "Ricky" - Mit Video zur Eröffung der Filmfestspiele

Familien haben eigene Rituale. Der Umgang zwischen Lotte und ihrem Vater ist rau und körperlich. Eines Nachts nach einem Trinkgelage nimmt der Papa seine erwachsene Tochter wie früher Huckepack. Gleich ist sie ihm zu schwer. Aber Lotte macht die Augen zu und lässt sich noch ein bisschen hängen.

Die Dänin Annette K. Olesen hat zum Auftakt des Wettbewerbs ein ungewöhnliches Frauenporträt vorgestellt. Kleiner Soldat heißt es, und die einzelgängerische, maulfaule Heldin, die für ihren Vater als Fahrerin und Leibwächterin einer nigerianischen Prostituierten arbeitet, erfindet sich darin ihren eigenen Einsatz. Eine Ein-Frau-Rettungsmission, die vielleicht im Kleinen genauso richtig gemeint und unmöglich zugleich ist, wie jener Einsatz im Ausland, von dem Lotte mit Blessuren zurückgekommen ist.

Auch der Franzose François Ozon erzählt in Ricky von einer Familie - und von einer Laune der Natur. Anfangs gibt es nur Katie und die siebenjährige Lisa, ein eingespieltes Team. Dann kommt ein neuer Mann, und bald ein Baby. Ozon hat dem Film einen leichten Dreh ins Unheimliche gegeben: Ricky könnte ein Thriller werden.

Die Spannung löst sich allerdings auf andere Weise. Nun hat der Film eine richtige Attraktion. Eine entscheidende Szene nimmt passenderweise in einer Spielwarenabteilung ihren Anfang. Kurz nachher hat der Regisseur an seinem eigenen Spielzeug das Interesse verloren und begnügt mit einem Rückgriff auf tradierte Bilder.

Dass der Spanier Sergi López einen spanischstämmigen Arbeiter in Frankreich spielt, ist hier nicht weiter bemerkenswert. Für Stephen Daldrys Der Vorleser, ein deutsch-amerikanisches Projekt, rekrutierte man in einer kruden Mischung aus Authentifizierung und Ökonomie hingegen zunächst vornehmlich deutsches Schauspielpersonal. Hauptdarstellerin Kate Winslet ließ man ihr "british english" hart einfärben, auf dass es sich besser unter die Akzente des Ensembles füge.

Seltsames geschieht für einen noch seltsameren Film: Ein Teenager begegnet Ende der 50er in Westdeutschland einer Frau Mitte 30, die ihn relativ umstandslos zu ihrem Geliebten macht. Eines Tages verschwindet sie. Jahre später erkennt der nunmehrige Student sie als Angeklagte in einem Prozess gegen ehemalige KZ-Aufseherinnen wieder. Und er durchschaut auch das Lebensgeheimnis der Analphabetin.

Ziemlich viel wird hier auf unzulässige Weise miteinander verquickt. Winslets Leistung wird bereits viel gelobt. Einen verkehrten Film macht das nicht richtiger. (Isabella Reicher aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.02.2008)

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    foto: berlinale
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