"Direkte Bedrohung für Israel, Atomschirm für Terroristen"

6. Februar 2009, 17:56
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Iran ist in Israel viel mehr als ein Wahlkampfthema

Jerusalem/Wien - "Mindestens die Hälfte des Interviews" mit Benjamin Netanyahu war über den Iran, schreibt der Korrespondent des Wall Street Journal über seinenTermin mit dem Likud-Chef, den manche bereits als Sieger der Wahlen am Dienstag sehen. Netanyahu warnte auch beim Wirtschaftsforum in Davos davor, dass der "nukleare Iran" eine größere Gefahr für die Welt darstelle als die aktuelle Wirtschaftskrise. Für Israel gehe es um die direkte Bedrohung durch iranische Atomwaffen, aber auch um "einen nuklearen Schirm für die Terroristenbasen" der Hamas und der Hisbollah, sagte Netanyahu im Wall Street Journal.

Der Iran ist Wahlkampfthema, keine Frage, Härte kommt gut, wobei aber auch Netanyahu wiederholt, auf den neuen US-Präsidenten Barack Obama bezogen, betont hat, dass das Resultat, nicht die Methode wichtig sei. Auch in Israel, wo man ohnehin nie daran geglaubt hat, sieht man jedoch die Chance schwinden, den Iran auf diplomatischem Wege dazu zu bringen, die Uran-Anreicherung aufzugeben. Lösungen, die im Westen durchaus Befürworter finden - wie etwa ein Anreicherungskonsortium, das Kontrolle garantieren, aber eventuell Teile der Technologie im Iran lassen würde - werden in Israel eher abgelehnt.
Die Frage im Westen ist nun, ob der Ausgang der israelischen Wahlen einen israelischen Militärschlag auf iranische Atomanlagen wahrscheinlicher machen wird. Für die USA war diese Option im letzten Jahr der Amtszeit von George W. Bush vom Tisch, unter anderem, weil das Truppenstationierungsabkommen mit dem Irak und die dortige Stabilisierung nicht gefährdet werden durfte.

Laut einem Bericht der New York Times verweigerte Washington darüber hinaus jedoch Israel die Zustimmung und Unterstützung zu einem israelischen Alleingang. Wobei der israelische Premier Ehud Olmert unmittelbar nach seinem formellen Rücktritt durch ein Interview in Yedioth Ahronoth auffiel, in dem er sinngemäß sagte, es sei ein Anzeichen für israelischen "Größenwahn" , wenn Israel glaube, es könne das Iran-Problem allein lösen.

Die Sinnhaftigkeit eines israelischen Angriffs auf die iranischen Nuklearanlagen ist umstritten. Während israelische Militärexperten sich meist überzeugt zeigen, dass er militärisch machbar sei, weisen andere auf die Unvergleichbarkeit mit ähnlichen Aktionen, zum Beispiel die Bombardierung einer syrischen Anlage unter Nuklearverdacht im Herbst 2007 oder des irakischen Forschungsreaktor Osirak im Jahr 1981, hin. Im Iran handle es sich heute um vielfache und sehr unterschiedlich beschaffene Ziele, mit sehr langen Anflugszeiten. Und die Israelis selbst sagen ja, dass es auch noch unbekannte Anlagen geben könnte.

Die politische Folge eines solchen Angriffs könnte sein, dass sich der Iran aus der Überwachung der IAEO (Internationale Atomenergiebehörde) zurückzieht und die internationale Gemeinschaft dadurch jede Einsicht in das iranische Programm verliert.

"Es ist 1938"

In Israel ist jedoch der öffentliche Druck auf einen Regierungschef, etwas zu unternehmen, groß - hervorgerufen durch die wiederholten Drohungen von Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad gegen Israel. Netanyahu sagte bereits im November 2006 vor der Generalversammlung der jüdischen Gemeinden in den USA: "Es ist 1938, und Iran ist Deutschland." Und Ahmadi-Nejad, der Holocaust-Leugner, bereite einen neuen Holocaust vor. (guha/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.2.2009)

 

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