Steirische Lernstunde in Kopenhagen

6. Februar 2009, 17:45
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Auf der Suche nach neuen ökonomischen Fundamenten reiste eine steirische Delegation nach Dänemark

Auf der Suche nach neuen ökonomischen Fundamenten reiste eine steirische Delegation nach Dänemark. Fazit: wertvolle Erkenntnisse in Sachen Arbeitsmarkt, Offenheit und Abschaffung von Bundesländern.

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Kopenhagen - Es war ein kleiner Kulturschock. So transparent wie dieser dänische Pharmariese, Novo Nordisk, seine Managergehälter im Jahresbericht offengelegt hat - samt Kosten der Dienstautos, Bonifikationen, Aktienanteilen - das verunsicherte so manches - in der österreichischen Kultur der Verschleierung sozialisiertes - Delegationsmitglied.

Novo Nordisk, Weltmarktführer in Sachen Insulin, war eine der Stationen einer von Wirtschaftslandesrat Christian Buchmann geleiteten steirischen Wirtschaftsdelegation nach Kopenhagen. Das Studium von Annual Reports war zwar angesichts der aktuellen Debatte um Vorstandsgehälter erhellend, aber nicht eigentlicher Grund der Kurzvisite der Steirer in Dänemark. Die Wirtschaft und Politik im Bundesland ist nicht zuletzt seit den Einbrüchen im Autocluster bemüht, ein weiteres regionalwirtschaftliches Cluster-Fundament einzuziehen. Eine eigene Landes-Gesellschaft soll jetzt versuchen, vermehrt internationale Headquarters ins Land zu holen.

Einiges an Know-how erhoffte man sich von Kopenhagen. Dänemark, mit dem ökonomischen Nukleus Kopenhagen, rangiert in internationalen Rankings als attraktiver Ansiedlungsort seit Jahren ganz oben. Der dickste Köder Dänemarks ist der flexible Arbeitsmarkt. Die im Außenministerium angesiedelte Gesellschaft "Invest in Denmark" offeriert aggressiv Europas flexibelste "Hire and Fire" -Gesetze. "Bei uns können Sie leicht kündigen", sagt Steen Donner von "Copenhagen Capacity", einer Invest- und Wirtschaftsentwicklungsfirma.

Das beworbene "Flexicurity"-System ist eine Kombination aus völliger Flexbilität und sozialer Absicherung. Die Arbeitnehmer werden, wie jetzt in der Krise, schnell gefeuert, aber sanft aufgefangen, schnell weitervermittelt oder -geschult. Die unteren Einkommensklassen erleiden kaum finanzielle Einbußen. "Nicht übertragbar und auch nicht ideal", resümierte Landesrat Buchmann.

Was Change auf Dänisch heißt, illustriert das Verwaltungssystem. Binnen zwei Jahren wurde alles auf den Kopf gestellt. Umgelegt auf Österreich wurden die Bundesländer und Bezirke abgeschafft oder reduziert und Dutzende Gemeinden zusammengelegt. 271 Gemeinden wurden auf 79 reduziert, 15 Regionen auf fünf gekürzt. Die administrative Zersplitterung sei einfach zu teuer geworden, sagten die dänischen Gesprächspartner.

Für steirisch-österreichisches Denken in Provinzkategorien erstaunlich: Der Biotech- und Life-Science-Cluster "Medicon Valley", mit 40.000 Arbeitnehmern und 10.000 Forschern, ist supranational angelegt. Mit der Eröffnung der 16 Kilometer langen Brücke zwischen Kopenhagen und Malmö über den Öresund im Jahr 2000 sind Dänemark und Schweden zusammengewachsen: Es entstand ein Zwei-Staaten-Wirtschaftsraum mit 3,6 Millionen Einwohnern. Ein Delegationsmitglied ernüchtert: "In Österreich schaffen wir es nicht einmal, einen Tunnel zwischen zwei Bundesländern zu bauen."

Fazit der Reise für Landesrat Buchmann: Eine kleine österreichische Region könne nur versuchen, Nischen zu besetzen. Er habe drei Cluster im Visier: Nahrungsmittel-, Umwelt- und Humantechnologie. (Walter Müller, Kopenhagen, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 07.02.2009)

  • Eine Brücke verbindet den Zwei-Staaten-Cluster.
    foto: standard/stockinger

    Eine Brücke verbindet den Zwei-Staaten-Cluster.

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