Schützengraben Jugend

6. Februar 2009, 17:17
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Philip Roths neuer Roman "Empörung" erzählt von einem Studenten, der seiner Zeit nicht zu entkommen vermag

Gemessen daran, was noch folgen wird, wirkt der aufgeräumte Anfang trügerisch vertraut. Denn Marcus Messner, Sohn eines koscheren Metzgers aus Newark, New Jersey, ist eine Figur, die auch aus anderen Romanen von Philip Roth stammen könnte. Ein junger Mann von neunzehn Jahren aus dem jüdischen Kleinbürgertum, dazu berufen, in einem nahegelegenen College zu Höherem zu streben; ein Vater, dessen fürsorgliche Liebe zu seinem Sprössling neuerdings wahnhafte Züge annimmt. Der Konflikt scheint unausweichlich. Doch er kommt anders - unterschwelliger und heimtückischer -, als man zunächst annimmt.

Das hat zum einen mit der historischen Grundierung zu tun, die Roth seinem neuen Roman Empörung (engl. Indignation) verleiht. Anders als seine beiden letzten Bücher, Jedermann und Exit Ghosts, die sich mit Figuren in der Gegenwart befassten, deren Lebenskräfte schwinden, steht mit Messner diesmal ein Mann in der Blüte seiner Adoleszenz im Mittelpunkt.

Dieser hat jedoch das Pech, in einer Ära zu leben, die seiner Generation nicht allzu viele Zukunftsaussichten lässt. Das Buch spielt zu Beginn der 1950er-Jahre. Der Korea-Krieg tobt - und Roth lässt die Gelegenheit nicht aus, an die politischen Verwerfungen der Zeit zu erinnern: an den kaum verborgenen Antisemitismus wie an den militanten Antikommunismus. Die Brutalität der Gemetzel in den Schützengräben stellt hier die Nachtseite eines revionistischen Amerikas dar. Nach Korea drohen auch all jene Männer geschickt zu werden, die nicht vorweisen können, in Ausbildung zu sein. Insofern hängt der Kriegseinsatz über den Studenten wie ein Damoklesschwert: Ein Fehler in dieser noch von allerlei restriktiven Etiketten bestimmten Zeit genügt, und man verliert alle Privilegien und muss an die Front. Marcus Messner, hochintelligent und strebsam, ist sich dieser Gefahr durchaus bewusst.

Doch er trifft die falsche Wahl. Er wechselt in ein College im Mittleren Westen, das von weißen Protestanten dominiert wird - primär, um sich dem Einfluss seines Vaters zu entziehen. Als Jude (und damit zum Außenseitertum bestimmt) versucht er sich weitgehend unsichtbar zu machen. Wird er von einem seiner Kommilitonen schikaniert, weicht er aus und wechselt die Zimmer. Messner widmet sich so konzentriert seiner Laufbahn, dass er noch um jede Form von Zerstreuung einen Bogen macht.

Einzig an Olivia, einer Mitstudentin, mit der er schon beim ersten Date Oralverkehr hat, kommt Messner nicht vorbei. Das Mädchen, in ihrer höchst ambivalenten Mischung aus Selbstsicherheit und Verletzlichkeit anders als alle anderen, stürzt den sexuell unerfahrenen Mann in nachhaltige Verwirrung. Es ist diese Begegnung, die dem Helden die erste Ahnung einer bisher verborgenen Welt verleiht.

Man könnte Empörung als "Coming of age" -Roman bezeichnen, der den üblichen Verlauf jugendlicher Eskapaden nimmt, käme nicht nach rund 50 Seiten eine Zäsur, die dem weiteren Verlauf der Geschichte schockartig eine tragische Schlagseite verleiht. So viel muss hier verraten werden: Der Held wird es nicht ans Ziel schaffen - denn gleich einem fatalistischen Film noir wie Sunset Boulevard breitet Roth hier die Erinnerungen eines Toten aus.

Mit dieser überraschenden Wendung erlangt jede noch so kleine Episode dieses kurzen Lebens - fast zu kurz, um einen Roman zu füllen, sollte man meinen - besondere Bedeutung: Wo, fragt Roth, beginnt das Ende von Marcus Messner? Wie viel davon ist das Resultat einer rückständigen Gesellschaft?

Die Meisterschaft dieses Buch liegt in der Bündigkeit, mit der es die ideologischen Grundzüge eines Milieus beschreibt, das all jene straft, die nicht zum Konformismus taugen. Manche sind einfach ihrer Zeit voraus. Messners Verfehlung wäre so auch kaum der Rede wert, hätte er zehn Jahre später gelebt. Der Dean des Colleges macht ihm in einer der zentralen Konfrontationen des Buches seinen Unwillen zum Vorwurf, die Traditionen des Hauses anzunehmen. Der Student beruft sich auf Bertrand Russell und übergibt sich anschließend in bester Roth-Manier. Empörung erzählt von einem, der sich dem Zwang der Vergesellschaftung entzieht, um dafür mit einem Heldentod am Schlachtfeld bestraft zu werden. (Dominik Kamalzadeh, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.02.2008)

 

Philip Roth "Empörung" . Übersetzt von Werner Schmitz. € 18,40 / 200 Seiten. München, Hanser 2009

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    Unentrinnbare Zwangsläufigkeiten: Philip Roth.

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