Wäschekammern, Wahngebilde

6. Februar 2009, 17:13
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Was passiert, wenn das reiche Innenleben einen Sensiblen in den Abgrund führt: Wilhelm Genazinos Roman "Das Glück in glücksfernen Zeiten"

Unter "Entfremdung" versteht derjenige, der nicht gewillt ist, sich mit Karl Marx und dessen ökonomischer Begrifflichkeit abzugeben, einen vagen Gefühlskomplex. Eine Entfremdung, die nicht die Enteignung des arbeitenden Menschen durch die Orientierung am Profit meint, bezeichnet in aller Regel ein individuelles, in den Bezirk der Seele verlagertes, nach außen abgeschottetes und damit strikt privates Geschehen.

Entfremdung ist eine Form des Verlustes. Ein solcher "Mangel" - und Wilhelm Genazino pflegt die Kunst der spätbürgerlichen Ironie viel zu ätzend, um an der Mangelhaftigkeit seines neuen Romanhelden Gerhard Warlich irgendeinen Zweifel zu lassen - erzeugt aber auch die heitersten Paradoxien. Entfremdung verschafft der Seele, die an ihr leidet, das trügerische Gefühl von Reichtum. Trügerisch ist dieses Besitztum, weil individuelle Seelennöte in unserer Hochleistungsgesellschaft nur insoweit etwas gelten, als sie die therapeutische Industrie - mit ihr die angeschlossenen Departements der Leichter-Leben-Ideologien - gewinnbringend am Laufen halten. Therapeutische Institutionen versprechen überall dort Abhilfe, wo seelische Nöte die erfolgreiche Teilnahme am Erwerbsleben verhindern.

Warlich, Genazinos herzzerreißendster Held seit einer kleinen Ewigkeit, wäre eigentlich dazu prädestiniert, auf dem Markt der Eitelkeiten zu reüssieren. Er ist studierter Philosoph und hat über Heidegger promoviert. Er selbst ist sich nur zu gut des betrüblichen Umstandes bewusst, dass intime Kenntnisse einer Philosophie des Seins das programmierte Scheitern auf dem Arbeitsmarkt nicht abwehren, sondern, im Gegenteil, jedes Misstrauen gegenüber seiner Person rechtfertigen.

Warlich, den eine leidenschaftslose Beziehung an eine Sparkassenfilialleiterin kettet, versucht sich als Disponent einer Großwäscherei. Sein Chef betraut ihn mit Spitzelaufträgen. Der Witz liegt in Wahrheit darin, dass sich dieser Dienstleister von der traurigen Gestalt am liebsten selbst observiert: Der Schauplatz eines Erlebens, das sich nicht in die Welt hinaustraut und keine Formen der Repräsentation mehr kennt, geschweige denn neue Formen für ihr Leiden erfindet, ist die vielstrapazierte Seele.

Insofern ist dieses vor Durchschnittlichkeit strotzende Individuum tatsächlich auch, frei nach Max Stirner: sein "einziges Eigentum". Es gibt nichts, was diesen sanften Zauderer überstiege, was geeignet wäre, sein krisenberuhigtes Dasein zu transzendieren. Ein solches Selbst lässt sich nur nicht mehr vergesellschaften - oder sonst irgendwie gewinnbringend veräußern.

Sahelzone der Seele

Genazinos bedrückende Fallstudie lebt vom leidlich "gehobenen" Duktus: von der kostenlosen Kultivierung, die aus den gemäßigten Breiten der (klein-)bürgerlichen Selbstverachtung eine Sahelzone der als untröstlich erkannten Daseinsform macht.

Die Figur Warlich ist ein entfernter Verwandter jener Individuen der Moderne, die ihr Leiden an der Welt für die triumphale Bekundung ihrer Selbstüberhebung nützen: von Paul Valérys Monsieur Teste bis hin zu den Solipsisten des großen Konrad Bayer (der sechste sinn).

Es liegt am betörenden Sound Genazinos, das Schmarotzen am Unglück "der anderen" in würdevolle und trotzdem erheiternde Sätze zu kleiden: "Ich nenne den Volksgarten einen Garten ohne Hoffnung und fühle mich dadurch für Augenblicke wohl" , summt sein Held ohne Bühne. Vollends aus dem Lot bringt den armen Warlich aber die Absichtsbekundung seiner Gefährtin, ein Kind haben zu wollen. Ab nun gestattet sich Monsieur Warlich eine "melancholische Verwilderung" , die ihn nicht nur seinen Job kostet, sondern ihn zu sinnlosen Handlungen hinreißt und, erst einmal in die Obhut der Psychiatrie überführt, seine Zukunft als produktives Menschenwesen überhaupt infrage stellt. "Seelenscheu" führt diesen Geschmerzten in ein "Danach" , für das unsere Gesellschaft noch keinen Namen hat und keine Rollenangebote auf den Tisch legt. Zuständig sind für derlei Verzeichnungen Autoren wie der famose Wilhelm Genazino. (Ronald Pohl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.02.2008)

 

Wilhelm Genazino, "Das Glück in glücksfernen Zeiten" . Roman. € 17,90/160 Seiten. München, Hanser 2009

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