Kratzer in der Hochglanzpolitur

6. Februar 2009, 16:44
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Filme über Architektur gab es schon viele. Aus der Sicht einer Putzfrau wurde zeitgenössisches Bauen allerdings noch nie beleuchtet

Großartig.

Brünette Locken, schwarz getupfte Bluse, Wischmopp in der Hand. Guadalope Acedo, tätig als Haushälterin in Bordeaux, geht einer Architekturikone des 20. Jahrhunderts an den Kragen. "Die geraden Stiegen gehen ja noch, aber die Wendeltreppe ..."

Sekunden später sieht man die ziemlich präsente Dame auf den schmalen Stufen balancieren. Wie Messerklingen stecken die Stahlplatten in der Wand und schrauben sich hoch ins Obergeschoß. Guadalope stützt sich auf das dicke Rohr ihres Staubsaugers. "Ja, das ist mein Gehstock. Und passen Sie ja auf, das ist alles ein bisschen eng hier." Schnitt.

koolhaas houselife, ein Film von Ila Bêka und Louise Lemoîne, sorgte bereits auf der letzten Architektur-Biennale in Venedig für lachende Begeisterung. Es ist das einstündige Porträt eines überaus feschen und von der Architektenschaft abgefeierten Einfamilienhauses am Rande von Bordeaux, entworfen vom zeitgenössischen Zampano Rem Koolhaas. Die erste Auflage in viel zu kleiner Stückzahl war prompt vergriffen. Seit Jänner liegt die Buch-DVD samt Film und prächtig dokumentierendem Bildband nun in zweiter Auflage vor.

"Die beiden Filmemacher Bêka und Lemoîne sind voller Esprit und haben unglaublich viel Gefühl auf Lager", schrieb die französische Tageszeitung Le Monde anlässlich des Erscheinens, "das ist genau das, was in Architekturfilmen bisher fehlte." Es sind nämlich nicht die Architekten und Bauherren, die vor der Kamera zu Wort kommen, sondern die stillen Helferlein im Hintergrund: Putzfrau, Gärtner, Fensterputzer, Sachverständiger.

Wenn der Ernst ins Wasser fällt

Moderne Architektur aus der Sicht einer Reinigungskraft – eine noch nie dagewesene Filmbetrachtung. Herrlich voyeuristisch, zum Lachen komisch, zum Weinen tragisch. Unbeirrbar versucht Guadalope mit ihrem charmant iberischen Akzent, das Gebäude zu bezwingen. Vergeblich. "Die Arbeiten in diesem Haus hören nie auf. Kaum ist man an einem Ende fertig, muss man wieder von vorn beginnen."

Und dann der Wolkenbruch. Es tropft, es rinnt, es gießt in Strömen. Nicht nur draußen, sondern auch drinnen im Haus. Die Fassade ist undicht. Schüsseln, Teller, Tupperware – präzise arrangiert – verhindern das Schlimmste. Hektisch läuft Guadalope durchs Bild, kommt mit Suppentassen, Gläsern und Aschenbechern, bückt sich und tauscht die vollen Gefäße gegen neue aus. "Die Scheiben hätten schon längst ausgetauscht werden sollen. Ach was, die Fassade ist eine halbe Baustelle."

Feuchtfröhlich geht's auch zu, wenn in der 38. Minute schließlich die Herren Sachverständigen ihren Auftritt haben. Ihre Mission: Ortung der undichten Stellen. Im Garten wird eifrig die Wiese bewässert, einen Stock tiefer tummeln sich derweilen die geübten Augen, um auf den Eintritt der Feuchtigkeit zu warten. Die Kamera blickt den Männern über die Schulter. Vom Wasser keine Spur. Plötzlich der beunruhigende Klang von Niagara: Vor dem Fernseher klatscht ein Wasserfall zu Boden. Kollektives Kopfnicken. "C'est une investigation positive." Das ist dann wohl ein positives Resultat, wie man im Fachjargon sagt.

Ein ziemlich vernichtendes Urteil für ein Haus, das gerade einmal zehn Jahre auf dem Buckel hat. "Es geht nicht darum, dass wir mit diesem Film auf die nicht funktionierenden Dinge aufmerksam machen wollen", sagt die Produzentin Louise Lemoîne. Schon gar nicht wolle man den Architekten Rem Koolhaas bloßstellen. "Wir wollten lediglich eine Woche lang vor Ort sein und den Alltag aus der Sicht einer involvierten Person dokumentieren." Und außerdem: "Die beiden Kapitel mit dem Wasser machen nur ein paar Minuten des Films aus. Die übrigen 22 Kapitel befassen sich mit ganz anderen Themen dieser Architektur."

Beispielsweise mit dem komplexen und wohl durchdachten Wegesystem im Haus. Mit den schönen und unglaublich poetischen Ausblicken und Durchblicken. Oder mit dem ganzen Bataillon an Maschinen und Motoren, die wie unsichtbare Geister die Terrassentüren zur Seite schieben, die Brüstungen aufklappen und die gläsernen Bullaugen in der Betonmauer federleicht aufspringen lassen.

Herzstück des Hauses ist der offene Lift, auf dem Guadalope mit ihrem gesamten Reinigungsequipment auf- und abfährt. Heute ist es die Putzfrau, die das technische Meisterwerk zur Überwindung der Schwerkraft verwendet. Damals noch war es Monsieur Jean-François. Das Haus wurde für ihn und seine Familie maßgeschneidert.

Dem im Rollstuhl sitzenden Bauherrn hatte Koolhaas einen zehn Quadratmeter großen und wandlosen Arbeitsraum geplant, mit dem er eigenständig vom Keller bis in den ersten Stock hochfahren konnte. Gleichzeitig diente der Raumlift als Steighilfe, um zu den tausenden Büchern zu gelangen, die in die insgesamt zehn Meter hohe Bibliothek geschlichtet sind – barrierefreies Bauen einmal anders.

"Das war das Zimmer des Monsieurs", erzählt Guadalope, während sie – die Fernbedienung in der Hand – auf der Plattform steht und dem Kameramann die Abläufe im Haus erläutert. Da sei er immer gesessen, da sei sein Schreibtisch gestanden, und da drüben das Bett. "Das Haus war nur für ihn gemacht. Heute ist alles anders. Ich höre Madame schon seit langer Zeit nicht mehr lachen."

Architektur gegen den Alltag

Und was sagt Koolhaas selbst zu dem Film? "Ein bisschen überrascht es mich, dass das Haus aus einer derart alltäglichen Sicht beleuchtet wird. Der Film ist nicht besonders schmeichelnd", so Koolhaas, aber er zeige eine kritische Realität, eine Art Secret Life. "Da prallen zwei unterschiedliche Systeme zusammen: die platonische Konzeption der Reinigung auf die platonische Konzeption der Architektur. "Ich will mich nicht mit Le Corbusier vergleichen, aber seine Bauten waren auch von einer gewissen Unperfektheit bestimmt."

Louise Lemoîne sieht das ganz nüchtern: "Architektur ist eine Materie, die benutzt wird. Nach einiger Zeit gibt es eben Gebrauchsspuren. Das ist ganz natürlich. Allerdings vergessen das viele, denn in den Hochglanzzeitschriften und auf den tollen Fotografien wird dieser Aspekt ausgeblendet."

Die nächsten Filme der Serie Living Architecture liegen schon zum Schneiden bereit. Im Herbst erscheinen bei BêkaFilms gleich drei Dokumentationen über Gebäude von Richard Meier, Frank O. Gehry und Herzog & de Meuron. Man wird wieder lachen dürfen.

"Eines Tages hat sich Monsieur bei mir bedankt", erinnert sich Guadalope Acedo in einer fröhlichen Minute. "Aber ich habe ihm gesagt: Was nützt mir ein Dankeschön? Denken Sie lieber daran, dass ich in Spanien ein Grundstück besitze und noch Pläne für mein Haus brauche!" Poliert den Spiegel und lacht. "Da hat er aber ein Gesicht gemacht. Solche Augen und solche Ohren hat er gekriegt." (Wojciech Czaja, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.02.2008)

Buch und DVD:
koolhaas house-life, ein Film von Ila Bêka und Louise Lemoîne, erschienen bei BêkaFilms, zu beziehen über www.bekafilms.it

Link:
www.koolhaashouselife.com

  • Die Maison in Bordeaux (Rem Koolhaas, Baujahr 1998) ist eine Ikone
zeitgenössischer Architektur. Guadalope Acedo, ihres Zeichens Putzfrau,
führt durchs Haus und gewährt einen etwas anderen Blick hinter die
Kulissen der Kreativität. Da bekommt Facility-Management eine neue
Dimension.
    foto: ila bêka, louise lemoîne, bêkafilms, filmstill aus "koolhaas houselife" , c. fischer

    Die Maison in Bordeaux (Rem Koolhaas, Baujahr 1998) ist eine Ikone zeitgenössischer Architektur. Guadalope Acedo, ihres Zeichens Putzfrau, führt durchs Haus und gewährt einen etwas anderen Blick hinter die Kulissen der Kreativität. Da bekommt Facility-Management eine neue Dimension.

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    foto: ila bêka, louise lemoîne, bêkafilms, filmstill aus "koolhaas houselife" , c. fischer
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