"Wir leben ja nur hier" - Christine Haidegger

6. Februar 2009, 16:23
51 Postings

Etwa 36.000 Einwohner hat die Stadt Huntsvillein Texas, und 76 Kirchen - Den ungefähr 9000 Gefangenen stehen 7000 Beschäftigte gegenüber

Dies sagt der Bürgermeister von Huntsville freundlich.

***

Huntsville, Texas, das sich stolz "Welthauptstadt der Todesstrafe" nennt, lebt von zwei verschiedenen Geldquellen: Studentinnen und Studenten samt Fakultät an der Sam Houston State Universität und den Menschen im Strafvollzug. "Entweder du arbeitest für die einen, oder für die anderen. Sonst gibt es hier nichts", sagt der freundliche Junge im Comfort Inn.

"Habt ihr The Wall schon gesehen?" Nein, aber deine Freundin und du habt vor, die "Prison Driving Tour" zu machen. Allein der Klang dieses "Ausflugs" .

Verbrechen kostet die Amerikaner pro Jahr inklusive der Gefängnisse 490 Milliarden Dollar, sagt das FBI. In Texas wurde allein in den vergangenen fünf Jahren die Zahl der "Gefängnisbetten" von 47.000 auf 144.000 erhöht. Das kommt zum Teil auch daher, weil andere Bundesstaaten ihre Gefangenen, heuer 3700, in Texas einsitzen lassen, bis ihre eigenen Gefängnisse erweitert oder neu gebaut worden sind. Im Jahr 2002 hat die Zahl der Gefängnisinsassen erstmals die Zwei-Millionen-Marke überschritten. Das heißt, pro amerikanischem Bürger sitzt jeder 142. irgendwo ein.

Etwa 36.000 Einwohner hat die Stadt und 76 Kirchen. Den rund 9000 Gefangenen stehen 7000 Beschäftigte gegenüber, sagt der Bürgermeister freundlich. Nein, es sei eine friedliche Stadt, die Gefangenen, die täglich entlassen würden, etwa hundert schätzt er, sind froh, hier wegzukommen. Sie bekommen 50 Dollar und gehen meist in den Laden beim Greyhound Busstop und kaufen sich eine neue Mütze oder Leckereien. Manchmal auch was für die Familie, wenn sie eine haben.

Draußen heller Hochsommer

Doch, arbeiten müssen sie alle im Gefängnis, das ist ganz selbstverständlich. Außer im Todestrakt. Nein, bezahlt bekommen sie das nicht. Nur Zivilkleider bei der Entlassung, die ja auch im Gefängnis hergestellt werden. Und eben die 50 Dollar. Geht meist für die Buskarte drauf. Nein, in die Stadt kommen sie kaum. Und wenn einer entlassen ist, ist er ja wieder ein Mensch wie du und ich, oder? Hat der Gesellschaft gegenüber sein Teil getan, sagt er gespreizt.

"Aber die Mordrate ist seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 um 46 Prozent gestiegen", gibst du zu bedenken, "mehr Menschen sterben in Texas durch Kugeln als durch Autounfälle!" "Ist das so? Wirklich?" "Stimmt es, dass 450 Todeskandidaten zum Teil schon 20 Jahre auf ihre Hinrichtung warten?" Das solltet ihr lieber den Gefängnisdirektor fragen, meint er abschließend. Schade, dass dieser vereinbarte Termin storniert werden muss.

Dass die Exekutionen hier mit Giftspritzen inzwischen ganz "human" durchgeführt werden und er verpflichtet ist, bei jeder dabei zu sein, dass "mindestens vier Journalisten" dabei sein müssen, wisst ihr bereits. 200 Hinrichtungen zwischen 1982 und 1999. In 38 Bundesstaaten ist die Todesstrafe legal.

Hier in Huntsville wurden im Jahr 2000 allein 40 Exekutionen vollzogen. Ein texanisches Todesurteil kostet im Schnitt 2,3 Millionen Dollar, obwohl die Giftspritze selbst nur 86 Dollar und acht Cent kostet. Dass die Vorverlegung der Exekutionen von Mitternacht auf den frühen Abend wirklich damit begründet wird, dass "alle Beteiligten dann noch Zeit für ihr Privatleben haben" kannst und willst du nicht glauben.

Sauber auf den Tisch

Im Pressezentrum auf der anderen Straßenseite bekommen die Reporterinnen und Reporter den Bericht über den Ablauf der letzten 36 Stunden der Gefangenen. Meist nichts Bewegendes. Gespräch mit Anwalt, Duschen, "unsere Kandidaten gehen sauber auf den Tisch" und eventuell noch eine Liste des letzten gewünschten Essens.

Familienangehörige der Opfer und der Täter kommen in zwei getrennte Räume, Reporter suchen sich aus, mit wem sie durch die Glaswand die letzten Minuten des Sterbenden miterleben wollen.

Draußen ist heller Hochsommer, Frauen gehen einkaufen, Kinder werden in Buggies herumgefahren, Sträucher blühen, auch dem Gefängnis gegenüber steht ein einladender Pavillon.

"Ich weiß nicht, was die Leute wollen. Die Hinrichtungen gehören für uns eben zum Alltag. Wir bringen ja niemanden um, wir leben ja nur hier. Es ist, als ob du an einem Bahndamm wohnst. Erst hörst du jeden Zug, und dann gewöhnst du dich einfach dran und hörst nichts mehr", erklärt euch ein Handwerker der mit der Heckenschere seinen Vorgarten auf Vordermann trimmt.

Ihr umrundet das in der Stadtmitte unübersehbare Gefängnis "The Walls". Schon im Jahr 1850 stand der erste fertige Bau, das älteste texanische Gefängnis, in dem bis zu 1700 Häftlinge einsitzen.

"The Walls" ist ein roter Ziegelblock, drei Querstraßen lang und breit. An ihren höchsten Stellen ist die Mauer über fünf Meter hoch und meist einen Meter dick. Zusätzlich gibt es auf der Krone metallene Kettenabsperrungen mit meilenlangem, rasiermesserscharfem Stacheldraht. Acht Wachtpostenhütten stehen an strategisch wichtigen Positionen.

Im "Death House" , dem Todestrakt, wurde 1924 der erste elektrische Stuhl verwendet und hat 361 Männer exekutiert. Vorher wurden Gefangene in den Staat, der sie verurteilt hatte, zurückgeschickt und dort gehängt. "Old Sparky" , der Stuhl, diente bis 1964. Er wurde von einem Insassen erfunden und gebaut, der 1914 für Mord die Todesstrafe erhalten sollte. Sein Urteil wurde daraufhin zu einer Gefängnisstrafe reduziert und er kam irgendwann frei.

"Old Sparky"

"Viel der frühen Bautätigkeit in Huntsville wurde durch entlehnte Gefangene erledigt. Praktisch alle Holz- und Ziegelarbeiten wurden von Gefangenen durchgeführt" , liest du deiner Freundin vor - "und, hör dir das an: Dadurch haben sie das Wachstum der Stadt stark behindert, da sie so den Zuzug von ausgebildeten Spezialisten verhinderten. Statt dass sie froh gewesen wären! Wohin man schaut, Gratisarbeit, vom Haus des Direktors bis zum Friedhof!" "Wahrscheinlich haben sie auch das "Monument der Sesquicentennial Plaza gebaut," schätzt deine Freundin. "Ein Tribut für die Texaner, die das wachsende Gefängnissystem zu einem der weltbesten in den letzten 150 Jahren faszinierender Geschichte gemacht haben" , liest du ungläubig vor. "Da haben sie 1848 mit drei Insassen angefangen, jetzt haben sie 143.500, das ist ja immerhin etwas," sagt sie.

Im Museum habt ihr euch zuerst hauptsächlich für die Highlights interessiert, und das sind nun einmal Bonnie und Clyde, die hier in der Nähe nach einer Verfolgungsjagd getötet wurden. Ihr Auto war von Einschüssen durchsiebt. Bonnie allein hatte 46 Kugeln im Körper. Die "Fänger" auf den vergilbten Pressefotos stehen in Siegerposen herum, als hätten sie mindestens je einen Tiger erlegt. Du erwartest fast, dass auf dem nächsten Bild die Leichen aus dem Auto gezerrt werden, damit jemand seinen Stiefel draufstellen kann.

"Old Sparky" , der elektrische Stuhl, steht seltsam altmodisch wirkend in einer Zelle, es fällt dir schwer, seine todbringende Geschichte hier umzusetzen. Ein Schild verkündet handschriftlich humorvoll "Please, take a seat" . Ein anderer Raum ist die maßstabgetreue Nachbildung einer 2 x 3 Meter großen Gefängniszelle. Standardgröße.

Ihr fahrt noch den Gefängnisfriedhof an. Der Millionär George Russel hat, um ein altes Stadtviertel und ein paar Bäume zu retten, das alles aufgekauft, einfach so. Dadurch ist der alte Gefängnisfriedhof erhalten geblieben, eine abfallende, schattige Wiese unter dichten Bäumen. Ein Meer weißer, namenlos uniformer Gips- oder Steinkreuze, kaum 50 Zentimeter hoch. Von oben nach unten Monat, Tag und Todesjahr schwarz eingemeißelt, auf dem Querbalken die Häftlingsnummer.

Trockenblumen in Plastikvasen

Durch Todesstrafe Ausgelöschte haben ein X davor. Vor wenigen der neueren Grabstellen stehen Plastikvasen mit Trockenblumen. Um ein Kreuz hat jemand mit viel Tixo einen Zettel festgeklebt. "My Billy" . Der pensionierte Gefängnisaufseher, den ihr abends trefft, ist redselig. "Es ist einfach das Geld. Sie bezahlen zu wenig. Wenn ich ne gute Erziehung gehabt hätte, Schulen und so, ich wär auch nicht dabeigeblieben. 26.000 Dollar verdienst heute im Jahr. Da kannst du keine Familie erhalten, nicht? Über zweieinhalbtausend Leute fehlen im Vollzug in Texas, sagen sie immer. Kein Wunder. Für das Geld gehen dir höchstens Achtzehnjährige rein, die vorher bei McDonald's geackert haben, und da spielen die Kerle drinnen doch mit denen, die haben ja nix mehr zu verlieren, oder? Und die Milchbubis können sich nicht mal ein Bier nach Feierabend leisten, so wie ich hier. Sind ja noch zu jung, was! Noch minderjährig. Wär ja illegaler Alkoholkonsum, nicht, könnten doch glatt in den Knast wandern dafür."

Er lacht, dass es ihn schüttelt.

(Christine Haidegger, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.02.2008)

 

Zur Person:
Christine Haidegger, geb. in Dortmund, aufgewachsen in Oberösterreich, lebt nach Aufenthalten in Frankreich, Italien und England seit 1962 als Schriftstellerin in Salzburg. Von ihr erschienen zuletzt der Roman Fremde Mütter (2006) und der Lyrikband Herz.Landschaft.Licht (2008), beide im Otto Müller Verlag.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Ich weiß nicht, was die Leute wollen. Die Hinrichtungen gehören für uns eben zum Alltag. Wir bringen ja niemanden um, wir leben ja nur hier. Es ist, als ob du an einem Bahndamm wohnst. Erst hörst du jeden Zug, und dann gewöhnst du dich einfach dran und hörst nichts mehr."

Share if you care.