Das erste Mal am Bankomaten

6. Februar 2009, 16:11
64 Postings

Pubertäre Kategorien von Knaben

Reden wir heute einmal nicht von Bankenkrisen. Reden wir von Pubertätskrisen und vom ersten Geschlechtsverkehr. Der erste Geschlechtsverkehr ("das erste Mal", in der Diktion von Bravo) war zu meiner Schulzeit ein Thema, das immer interessierte. Zwei Kategorien von Knaben gab es: erstens jene, die schon hatten, und zweitens die, die noch nicht hatten. Kaum überraschend und vielleicht typisch männlich: Die aus Kategorie 1 galten als cooler und geiler.

Der Aufstieg in Kategorie 1 folgte strengen Gesetzmäßigkeiten. Mancher Knabe mochte sich einen Namen als meisterhafter Küsser oder brillanter Ausgreifer gemacht haben. Das alleine war aber nicht genug. Gefordert war, was Hardcore-Feministinnen tadelnd "Penetration" nennen. Ohne sie kein Eindringen in die tieferen Sexualsphären und kein Aufstieg in Kategorie 1.

Doch jetzt zum eigentlichen Thema. Ein erstes Mal gibt es nicht nur beim Sex. Ein erstes Mal gibt es auch am Bankomaten. Seit Wochen komme ich ständig hinter jenem Menschentypus zu stehen, der garantiert zum ersten Mal in seinem Leben mit einem Bankomaten zu tun hat: Dem Bankomatendebütanten (kurz BD).

Klassisches BD-Warnzeichen: Er oder sie (es gibt männliche und weibliche BDs) outet sich schon zu Beginn des Behebungsaktes als schwerfälliger Nestler und nestelt zwei Minuten lang in Hand- oder Hosentasche nach der Karte. Es folgt: dreimaliges falsches Einstecken der Karte in den Kartenschlitz (Schlitz ist sauer, spuckt Karte aus). Dazwischen jeweils verwundertes Begutachten der Karte, Rubbeln der Karte am Ärmel, Stäubchen-Wegblasen vom Magnetstreifen, sodann längeres Fummeln an der Tastatur, Eingabe falscher Code-Nummern, abermaliges Begutachten der Karte usw. usf. In der Warteschlange hinter dem BD rollen die Augäpfel verzweifelt nach oben: Oje, ein BD.

Der volkswirtschaftliche Schaden durch BD-verursachte Stehzeiten ist noch nicht exakt erhoben worden, dürfte aber in die Zigmillionen gehen. Abhelfen könnte die Einrichtung eines wissenschaftlichen Fachhochschulstudiums zur allgemeinen Bankomatenkunde, mit dem auch begriffsstutzigere Naturen zu einem optimalen Zeitmanagment beim Zasterzapfen hingeführt werden. Arbeitstitel der Einführungsvorlesen: "Mein erstes Mal am Bankomaten. Keine Bange vor Karte und Code". Bei Studien-Ende winken lukrative akademische Titel: Erst Bachelor des Behebens, dann Master des Magnetstreifens (FH). (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.02.2008)

Share if you care.