Der Schlüssel zur Schwangerschaft

8. Februar 2009, 18:37
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Eine Schilddrüsenunterfunktion kann der Grund für Kinderlosigkeit sein, Hormonersatz eine Lösung

Die kleine Drüse am Hals ist mächtig. Dort werden Hormone produziert, die alle Zellen des Körpers beeinflussen und auch für die Fortpflanzung wichtig sind. Konkret ist es die Schilddrüsenunterfunktion, die für einen unregelmäßigen Zyklus, Fehl-, Früh- oder Totgeburten verantwortlich sein kann. "Idealerweise sollte bei jedem Kinderwunsch die Schilddrüsenfunktion überprüft werden, unbedingt dann, wenn es bereits vorbekannte Probleme in die Richtung gibt", sagt Alois Gessl, Leiter der Schilddrüsenambulanz am Wiener AKH. Zehn bis 15 Prozent seiner Patientinnen werden wegen unerfüllten Kinderwunsches überwiesen, viele im Rahmen von In-vitro-Fertilisation.

Für die Korneuburger Gynäkologin Sabine Matschke-Laccone ist das Abtasten der Schilddrüse am Hals Teil ihrer Routine: "Für mich gehört es sowie eine Laboruntersuchung zur Diagnostik, verpflichtend ist es in Österreich nicht."

In den letzten Jahren wurde viel über "normale" Werte debattiert. Eine Schlüsselrolle in der Produktion der Schilddrüsenhormone T4 und T3 ist das in der Hirnanhangdrüse gebildete TSH (Thyreoidea Stimulierendes Hormon).


Diffiziles Zusammenspiel

"Der TSH-Wert ist wie ein Blick durch die Lupe in die Schilddrüsenfunktion, das Zusammenspiel ist logarithmisch gesteuert", erklärt Schilddrüsenexperte Gessl. Ist der TSH-Wert zu niedrig, werden zu viele T4- und T3-Hormone produziert (Überfunktion), ist er zu hoch, werden zu wenige produziert. Eine leichte Überfunktion beeinflusst die Empfängnis weniger, Unterfunktion aber sehr wohl.

Ideale TSH-Werte, die für alle Frauen gelten, gibt es allerdings nicht. "Im Laufe eines Lebens ändern sich die Werte, deshalb gibt es eine Bandbreite, die zwischen 0,7 und 1,9 mU/l bei jungen Mädchen bis zu 5 mU/l bei hochbetagten Frauen liegen kann", erklärt Gessl. Entsprechend der Lebensphase (Kinderwunsch) und Symptomen (Trägheit, Gewichtsprobleme, Depression) muss individuell entschieden werden, ob eine Hormonersatztherapie bei Unterfunktion empfehlenswert ist oder nicht. Für Frauen, die schwanger werden wollen, gilt ein Richtwert unter 2,0 mU/l.

Ist bei unerfülltem Kinderwunsch eine Hormonersatztherapie notwendig, so würden heute allerdings nur noch T4-Schilddrüsenhormone substituiert, weil T4-Hormone eine Vorstufe von T3 sind und der Körper sie insofern dann auch selbst bildet, Kombinationstherapien aus T3- und T4-Hormonen seien heute, so Gessl, kaum mehr üblich. Dass ein unerfüllter Kinderwunsch erstaunlich oft an einer Unterfunktion liegt, bestätigt auch die Stockerauer Gynäkologin Liane Gradner-Kunert aus Erfahrung.

"Die gynäkologische Sicht auf die Schilddrüse hat sich in den letzten Jahren geändert - wenn eine Frau gut eingestellt ist, wird sie schnell schwanger", sagt sie und betont, dass die Kontrollen der Schilddrüsenwerte vor allem im ersten Drittel der Schwangerschaft aufgrund des erhöhten Östrogenspiegels und damit des erhöhten Schilddrüsenhormonbedarfs von großer Wichtigkeit sind. TSH-Kontrollen in der sechsten Woche sind angezeigt, Werte unter 2,5 mU/l anzustreben, weil im ersten Drittel der Schwangerschaft die Schilddrüsenhormone für die Entwicklung des Gehirns von Ungeborenen eine große Rolle spielen. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 09.02.2009)

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    Die Schilddrüsenfunktion kann Schuld am unerfüllten Kinderwunsch sein

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