Schilddrüse

"Es ist eine Puzzleteil-Diagnose"

8. Februar 2009, 18:48

Die Schilddrüse steuert viele Systeme im Körper. Autoimmunerkrankungen können die Funktion stören - Die Diagnose ist schwierig

Die deutsche Ärztin Leveke Brakebusch im Gespräch mit Jutta Berger

Standard: In Ihrem ersten Ratgeber "Leben mit Morbus Basedow" schreiben Sie von einer "Odyssee von Arzt zu Arzt", die Sie bis zur Diagnose durchmachen mussten. Hat sich seit 1999 etwas geändert?

Brakebusch: Die Situation ist immer noch schlecht. Nicht nur in Deutschland. Wir bekommen Zuschriften aus Österreich, der Schweiz, sogar aus Amerika - der Weg zur Diagnose, zu guter medizinischer Betreuung ist überall schwierig.

Standard: Worauf führen Sie das zurück?

Brakebusch: Über autoimmune Schilddrüsenkrankheiten steht wenig in den Lehrbüchern. Sie werden meistens in zwei, drei Sätzen abgehandelt. Damit wird man den Krankheiten nicht gerecht. Denn 13 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben eine Autoimmunerkrankung vom Typ Hashimoto, vier Prozent eine vom Typ Basedow. Hashimoto ist damit häufiger als Diabetes Typ 1. Dennoch kennen viele meiner Kollegen die Krankheit nicht.

Standard: Hashimoto kann ja auch leicht für Burnout oder Wechselbeschwerden gehalten werden.

Brakebusch: Das Schwierige ist, dass man nicht ein paar Symptome hat, sondern 30 bis 40 und die Krankheit sehr variabel ist. Da kommt auch ein wohlmeinender Arzt schnell auf die Idee, dass die Psyche der Verursacher ist. Ist sie aber nicht. Die Psyche ist mit betroffen von der Krankheit. Die Schilddrüse steuert den ganzen Körper: Magen, Darm, Haut und Haar, Gedächtnis und auch die Psyche. Arbeitet die Schilddrüse nicht richtig, ist alles gestört.

Standard: Sollten praktische Ärzte öfter an die Schilddrüse denken?

Brakebusch: Das wäre sinnvoll und würde auch Kosten sparen. Ich muss aber meine Kollegen in Schutz nehmen, ich hab ja auch, bevor ich nicht selber an Morbus Basedow erkrankt war, ganz wenig darüber gewusst.

Standard: Man könnte meinen, die Diagnose sei ganz einfach: Schilddrüsenwerte bestimmen, Blut auf Antikörper testen?

Brakebusch: Es ist eine Puzzleteil-Diagnose. Es können viele Teilchen da sein, oder auch nur eines. Die Laborwerte TSH, fT3 und fT4 können täuschen, sie können normal sein, man fühlt sich aber trotzdem schlecht. Bei 20 Prozent der Patientinnen und Patienten findet man auch keine Antikörper. Im Ultraschall erkennt man Hashimoto erst, wenn die Schilddrüse schon angegriffen ist. Deshalb ist am wichtigsten, sich die Symptomatik genau anzuschauen.

Standard: Über die Grenzziehung beim TSH-Wert wird international diskutiert.

Brakebusch: Wir haben sogar innerhalb von Deutschland unterschiedliche Werte. Die meisten setzen sie bei 0,4 bis 4 mU/l an. Aus Amerika kommt aber die Erkenntnis, dass schon bei Werten ab 2,5 viele Menschen eine Unterfunktion haben. Bei Symptomen und TSH von 2 mU/l würde ich in Richtung Autoimmunerkrankung untersuchen.

Standard: Treten die Erkrankungen familiär gehäuft auf?

Brakebusch: Ja. Es gibt aber keine Studien dazu. Aus meiner Erfahrung würde ich sagen, die Wahrscheinlichkeit liegt bei 80 Prozent. Hat eine Frau Morbus Basedow, kann das Kind Hashimoto bekommen, bei Hashimoto der Mutter vererbt sich meist die Hashimoto Thyreoiditis und nur sehr selten erkrankt das Kind an einem Morbus Basedow. Zehn Prozent der Babys haben bei der Geburt laut einer Studie Schilddrüsenantikörper, die von der Mutter übertragen wurden. Auch hinter Hyperaktivität kann bei Kindern eine autoim-mune Schilddrüsenkrankheit stecken. Man sollte nicht nur ihren TSH-Wert anschauen und Ultraschallbilder, sondern auch die Eltern auf autoimmune Schilddrüsenkrankheiten untersuchen.

Standard: Was weiß man über die Ursachen?

Brakebusch: Insgesamt noch sehr wenig. Genetische Faktoren spielen eine Rolle, auch die Umweltbelastung, die zusätzliche Jodierung der Lebensmittel kann auslösend sein - oder Viren und Bakterien, auch hormonelle Veränderungen bei Frauen: Geburt, Fehlgeburt, Absetzen der Pille, Beginn der Wechseljahre. Morbus Basedow tritt oft nach dem Tod eines nahen Angehörigen auf. Ich beobachte auch, dass viele Paare Hashimoto haben, eine Erklärung dafür habe ich noch nicht gefunden.

Standard: Was soll sich aus Ihrer Sicht als Ärztin und Betroffene ändern?

Brakebusch: Die Krankheit muss mehr ins Bewusstsein rücken. Meine Kollegen sollten die Patienten wirklich ernst nehmen, genau hinhören. Sie sollten sich nicht von der Menge der Symptome einschüchtern lassen und vorschnell Psychopharmaka verschreiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 09.02.2009)

 

Zur Person

Leveke Brakebusch (42) ist Gynäkologin in Konstanz und Mutter von zwei Kindern. Selbst an Morbus Basedow erkrankt, verfasst sie Sachbücher zu autoimmunen Schilddrüsenkrankheiten.

 

eze eze
 
03

Schön, dass der Standard endlich auch über dieses Thema etwas schreibt. Schilddrüsenkrankheiten beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen ganz erheblich, und zudem haben die Betroffenen oft das Pech, dass sie aufgrund der Symptomatik in gleichermaßen langwierigen und (da organische Ursache sich verschlimmert) nutzlosen Psychotherapien landen. Und das selbst dann, wenn sie ganz klassische Symptome von Schilddrüsenerkrankungen zeigen. Heutuzutage ist es medizinischer Standard das Normintervall für TSH zwischen 0,3 und 3 anzusetzen - leider halten sich noch immer nicht alle damit befassten Einrichtungen an diese auf neueren Erkenntnissen basierenden Werte. Auch hinter "Altersdepressionen" versteckt sich oft eine Schilddrüsenkrankheit.

maerchen
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gut, dass sich der standard nun dieses themas annimmt!

hashimoto ist trotz des hohen verbreitungsgrades eine oft unbekannte krankheit. auch ärzte wissen oft über das sehr vielfältige symptombild kaum bescheid.

gut auch der hinweis auf den oberen referenzwert für den TSH, der mittlerweile als zu hoch angesetzt gilt. leider wird dieser in der praxis häufig immer noch angewendet und viele betroffene als noch euthyreot eingestuft, obwohl sie bereits einer schilddrüsenhormonsubstition bedürfen.

die rolle von jod als möglicher auslöser von schüben bei autoimmunkrankheiten kommt allerdings m.e. in diesem interview etwas zu kurz.

Na so was auch
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Bei wurde inzwischen eine ganz arge Unterfunktion festgestellt. Ich bin gespannt, wie sich die Einnahme der Hormone auswirken wird. Angeblich dauert es Monate bis der Spiegel aufgebaut ist. Wieso hat mir das keiner gesagt?

mariefried
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15.8.2009, 22:30
Radiojodtherapie im Mai 2009

Die RJT war bei mir nicht sehr erfolgreich. Um nur 2 ml hat sich meine SD verkleinert. Mir blieb noch ein Restvolumen von 63 ml. (normale SD etwa 18 ml bei Frauen)
4 Wo nach der RJT bekam ich heftige Überfunkt.-Symtome. Mein Hausarzt bekam den Befund und sollte mich weiter behandeln. Er machte 2 mal in 8 Wo die LAborwerte f. d. SD, beim dritten mal nur noch den TSH-Wert, der bei 16,2 lag (d.h. enorme Unterfunkt.) diese wollte er mit Tabletten gegen UF behandeln obwohl er die freien Werte dazu garnicht hatte und somit nicht sehen konnte welche Ursache diese Uf eigentlich hatte. Ist es das Vorratshormon fT 4 oder das umgewandelte Hormon fT 3.
Ich bin kein Arzt, ich bin ein SD-Patient und habe mich im Fachbereich/Internet kundig gemacht wei

mariefried
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20.2.2011, 17:45
2 Jahre nach meiner Radiojodtherapie

Ja, zwei Jahre nach der RJT kann ich nun doch berichten, dass meine SD durch die RJT von 65,2 ml auf 26,0 ml geschrumpft ist.*freu*
Seit der Einnahme von LT fühle ich wohler als je zuvor.
Ich hatte nur kurz nach der RJT Blutwerte von ÜF dann von einer UF, jedoch nicht die sonst übl. Symptome einer ÜF oder UF. Seit Sept. 2009 nicht´s dergleichen mehr.
Zu einer weiteren RJT, wie mir die Ärzte raten, sehe ich jedoch z.Zt. keinen Anlaß - ich hoffe es bleibt auch so. Zusätzl. Jod in Nahrungsmittel meide ich weiterhin.

Es ist nur bedauerlich, daß ich bis zum jetzigen Zeitpunkt brauchte um das zu erfahren.
Der autoimmune Anteil meiner SD-Erkrankung stellte sich bereits im Szintigram 1995 dar.
Der Leidfensweg hätte mir erspart bleiben könn

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