Spion in der Westentasche oder Google-Bashing?

6. Februar 2009, 11:24
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Der Ortungsdienst Latitude hat die Diskussion um Handy-Lokalisierung neu angeheizt

Handy-Ortungsdienste sind keine neue Erfindung. Doch seit der Internetkonzern Google mit einem Dienst namens Latitude mitmischt, schlägt der Bedenken-Seismograf gegen derartige mobile Spione wieder kräftig aus.

Vor allem in Firmen wird darüber diskutiert, dass die Unternehmensführung dieses Instrument auch zur heimlichen Überwachung von Mitarbeitern einsetzen könnte. Fälle, in denen Ehepartner die Aufenthaltsorte ihres vermeintlich abtrünnig gewordenen Schatzes verfolgten, poppen wieder hoch.

"Doch grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass dies ohne Zustimmung der betreffenden Person nicht möglich ist."

"Die Positionsdatenbestimmung ist sicher eine heikle Sache, und Missbrauch ist leider nie auszuschließen", sagt dazu Christian Schaumann, Jurist bei T-Mobile Österreich. "Doch grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass dies ohne Zustimmung der betreffenden Person nicht möglich ist."

Für den geschäftlichen Einsatz eines Ortungsdiensts (etwa zur Flottensteuerung eines Fuhrparks) braucht es übrigens nicht einmal ein Mobiltelefon mit GPS-Modul (satellitenbasierte Navigation). Die Lokalisierung geschieht durch die Abfrage der Funkzelle, in der das gesuchte Handy aktuell eingebucht ist. Je nach regionaler Verteilung von Mobilfunkmasten kann so eine Ortung mit einer Genauigkeit bis auf wenige Hundert Meter erfolgen. Im Notfall kann dies Unfallopfern das Leben retten.

Damit Unternehmen diese "zweckgebundene" Ortung vornehmen können, bedarf es aber wie erwähnt einer schriftlichen Einwilligung der Mitarbeiter. Details dazu sollten, so der Rat von Schaumann, unbedingt mit dem Betriebsrat abgestimmt werden.

Boom

In Deutschland gibt es bei privaten Ortungsdiensten derzeit - zum Leidwesen der Datenschützer - einen kleinen Boom. Einer der Schwachpunkte: Es bedarf dafür keiner schriftlichen Einwilligung. Vielmehr reicht eine SMS zur Anmeldung für die Handy-Ortung. Ein misstrauischer Ehepartner oder neidischer Kollege, der vorübergehend sich des Mobiltelefons bemächtigt, könnte also rein theoretisch die Einwilligung heimlich geben. Wobei sich in diesen Fällen die Frage stellt, was es bringt, zu wissen, wo sich jemand gerade aufhält. Denn mit wem sich der- oder diejenige trifft oder was er oder sie tut, weiß man deswegen noch lange nicht.

Anders als in Deutschland dürfen in Österreich nur Polizei und Justiz - seit Jänner 2008 auch ohne richterlichen Befehl - den Aufenthaltsort von Bürgern via Mobilfunk orten, was nach Aussagen der Mobilfunker auch fleißig genutzt wird.

Wer seine Freunde zum Narren halten will, kann auch einen fiktiven Aufenthaltsort festlegen

Bei Googles Latitude, mit dem man auf der digitalen Straßenkarte von Googles Maps sehen kann, wo sich seine Freunde gerade befinden, funktioniert der Dienst nur, wenn sich alle nutzungswilligen Personen dafür angemeldet und auch die GPS-Funktion auf ihrem Gerät eingeschaltet haben. Zudem kann eingestellt werden, ob die eigene Position angezeigt wird oder nicht. Wer seine Freunde zum Narren halten will, kann auch einen fiktiven Aufenthaltsort festlegen. Mit der Deaktivierung des Dienstes verschwindet man wieder ganz von der Karte.

Dorn im Auge und Bashing

Die mit Latitude - und von anderen Google-Diensten - erfassten persönlichen Daten der Nutzer gelangen auf die Server von Google, was vielen Kritikern - besonders in Europa - ein Dorn im Auge ist. Dabei werden die Dienste des Internetriesen gerade auf dem Alten Kontinent noch viel mehr genützt als in den USA. Neun von zehn Suchanfragen im Internet richten die Deutschen (von Österreich gibt es keine Zahlen) an die Google-Suchmaschine. (Karin Tzschentke, DER STANDARD Printausgabe 6. 2. 2009)

 

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