Leuchtende Sterne im Tanz der Finsternis

5. Februar 2009, 20:47
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Der zweite Teil der letzten Tanzquartier-Spielzeit unter Sigrid Gareis wird mit einer "Programminsel" eingeleitet, die von dem französischen Choreografen Boris Charmatz kuratiert wird und dem japanischen Tanz gewidmet ist

Vor genau einem halben Jahrhundert zeigte der japanische Tänzer und Choreograf Tatsumi Hijikata die Performance Kinjiki, die als das erste Butô-Stück überhaupt in die Kunstgeschichte eingehen sollte.

Butô (von Ankoku Butô: "Tanz der Finsternis") ist der Beitrag Japans zum Tanz des 20. Jahrhunderts. Beeinflusst vom deutschen Ausdruckstanz, diese Quelle allerdings bis zum Exzess steigernd, bringen Butôtänzer sich innerlich unter Hochspannung. Dabei bleibt das Formenrepertoire prinzipiell offen, auch für groteske Momente. Die menschliche Figur erscheint oft archaisch und nackt.

Die Literatur des Tänzers

Dieser eigentlich interkulturelle Tanz gilt doch als "originär" japanisch und hatte großen Rück-Einfluss auf den westlichen Kunstkontext. Nachdem es nun beinahe zwei Jahrzehnte recht still um den Butô war - seine zweite Schlüsselfigur, Kazuo Ôno, ist 102 Jahre alt, und jüngere Größen wie Kô Murobushi oder Carlotta Ikeda treten nicht so häufig auf -, denkt der französische Choreograf Boris Charmatz nun eine Neureflexion an.

Rund um sein jüngstes Stück, La danseuse malade, das im Vorjahr beim Pariser Festival d'Automne uraufgeführt wurde, gruppiert er als (mit Sigrid Gareis) Kurator der sechsten TQW-Programminsel dieser Saison, "Island: From a Piece ...", kontextualisierende und weiterführende Elemente. Ein Abend zeigt traditionelles Nô-Theater, dabei auch ein Stück in der humoristischen Kyôgen-Form: Obagasake. Das Nô-Tanzdrama Aoi no Ue - Azusanode beruht auf dem klassischen Roman Genji Monogatari.

In La danseuse malade konzentrieren sich Charmatz und die bekannte französische Schauspielerin Jeanne Balibar auf das literarische Werk von Hijikata. Passend dazu gibt es szenische Lesungen aus Schriften von Tänzern (u. a. mit Daniel Aschwanden, Barbara Kraus und Charmatz selbst), ein von Balibar gestaltetes Filmprogramm im Stadtkino und einen "Rebutoh-Evening" mit Michikazu Matsune, einer Improvisation von Charmatz mit Kô Murobushi und Filmen, darunter einem Dokument, das das Gesamtwerk von Hijikata zeigt.

An einem zweiten Themenabend geht es um die Auseinandersetzung mit "Maschinenperformances" - mit einer Installation von Christian Rizzo, einer Performance des bildenden Künstlers Gilles Touyard sowie einem Stück von Mette Ingvartsen und Jefta van Dinther. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2008)

 

Island: From a Piece ..., 10. bis 21. Februar. Programm: www.tqw.at

  • Der mitleiderregende Zustand des Kraftwagens beweist: Dieses Bild ist politisch korrekt. Jeanne Balibar als "La danseuse malade". 
 
    foto: kihn


    Der mitleiderregende Zustand des Kraftwagens beweist: Dieses Bild ist politisch korrekt. Jeanne Balibar als "La danseuse malade".

     

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