Merkels Pflicht zur Einmischung

5. Februar 2009, 20:05
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Die Haltung des Vatikans zum Holocaust ist keine rein kirchliche Angelegenheit

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat etwas Selbstverständliches für eine Repräsentantin des deutschen Staates getan: Sie hat eine Klarstellung gefordert, dass es keine Leugnung des Holocausts geben dürfe. Wäre der Adressat nicht der Vatikan gewesen, hätte sich niemand darüber gewundert. Jetzt wird Merkel für ihre Forderung von deutschen Bischöfen und selbst von Parteifreunden aus der CDU - weniger überraschend aus der CSU - kritisiert. Es wird ihr auch vorgeworfen, sie habe als evangelische Pfarrerstochter agiert.

Dabei handelt es sich dabei nicht um eine katholische Glaubens-, sondern um eine politische Grundsatzfrage. Merkels Aufruf ist deshalb keine unzulässige Einmischung des Staates in kirchliche Angelegenheiten. Eine Einmischung wäre es gewesen, wenn sie die Aufhebung der Rücknahme der Exkommunikation für Anhänger der Pius-Bruderschaft gefordert hätte. Das steht ihr als Politikerin nicht zu, das ist eine innerkirchliche Angelegenheit. Streng genommen wäre auch die Kritik des oberösterreichischen Landeshauptmannes Josef Pühringer an der Entscheidung, Gerhard Wagner zum Weihbischof zu machen, eine Einmischung. Umgekehrt kritisieren auch kirchliche Würdenträger immer wieder politische Entscheidungen etwa zur Abtreibung oder im Fremdenrecht. Dass sie sich in gesellschaftlich relevanten Fragen zu Wort melden, wird auch von ihnen erwartet.

Die Leugnung des Holocausts ist jedoch ein Straftatbestand in Deutschland (Paragraf 130 Strafgesetzbuch) wie auch in Österreich, wo das Verbotsgesetz gilt. Dass sich österreichische Politiker im Gegensatz zur deutschen Bundeskanzlerin nicht zu einer klaren Aussage durchringen konnten, zeigt einmal mehr: Es gibt noch längst nicht jene Sensibilität im Umgang mit der Vergangenheit wie in Deutschland.

Allein die Entscheidung von Benedikt XVI., der Piusbruderschaft die Rehabilitierung anzubieten, hat Zweifel ausgelöst, die einer Klarstellung bedürfen. Dass just dieser Papst, der seit 1981 Chef der Glaubenskongregation im Vatikan war, nichts von der wiederholten Leugnung der Existenz von Gaskammern durch den traditionalistischen Bischof Richard Williamson gewusst haben will, ist nicht glaubwürdig. Es gibt zahlreiche öffentliche Aussagen und Interviews des konvertierten Briten, die unmissverständlich sind. Im Vatikan und von Kirchenvertretern auch in Österreich wird die Schuld nun auf Mitarbeiter abgeschoben, wonach diese den Papst nicht ausreichend informiert hätten. Jetzt müssen Sündenböcke dafür herhalten. Dass der Papst selbst weiter schweigt und einen Sprecher vorschickt, um von Williamson zu verlangen, er müsse sich eindeutig und öffentlich von seinen bisherigen Holocaust-Leugnungen distanzieren, zeugt nicht gerade von persönlichem Engagement.

Die Glaubwürdigkeit des Vatikans wird noch mehr infrage gestellt, wenn der Papst-Sprecher nachschickt, die Aufhebung der Exkommunikation werde nicht rückgängig gemacht, die Situation bleibe, wie sie derzeit ist. Wenn ohnehin keine Konsequenzen drohen, warum sollte sich der Lefebvre-Anhänger distanzieren?

Merkel musste sich auch deshalb äußern, weil Benedikt XVI. ein Deutscher ist. Im Zusammenhang mit der Papstweihe wurde insbesondere in der angelsächsischen Presse auf seine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend verwiesen. Dass ausgerechnet ein deutscher Papst in Zeiten des wieder aufkeimenden Antisemitismus in Europa Holocaust-Leugner wieder in die Reihen der katholischen Kirche aufnimmt, hat weitreichende Auswirkungen über die Mauern Roms hinaus. "Wehret den Anfängen" und "Nie wieder" - das gilt nicht nur für die deutsche Kanzlerin, sondern auch für den Vatikan. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2009)

 

 

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