Der doppelte Boden der päpstlichen Politik

5. Februar 2009, 19:58
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Die Härte der Aussagen des Papstes hat alarmierende Folgen für den intererreligiösen Dialog - Von Ernst Fürlinger

Von der Gabe des Pontifex, die "milde Fassade" seines öffentlichen Auftritts mit rückwärtsgewandter strategischer Nüchternheit und Härte zu verbinden - mit alarmierenden Folgen für den intererreligiösen Dialog.

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Angesichts der Beiträge zum ersten Amtsjahr von Benedikt XVI. rieb man sich als katholischer Theologe die Augen: Da überschlugen sich die Leitartikler und Feuilletonisten der großen deutschsprachigen Zeitungen vor Begeisterung über den deutschen Papst, den überragenden Intellektuellen an der Spitze der katholischen Kirche, der Orientierungsfigur eines verunsicherten Westens. Heute reibt man sich wieder die Augen ob der Überraschung der Journalisten, dass der Mann in Weiß derart finstere Entscheidungen zu treffen imstande ist wie die Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe, Vorsteher einer tendenziell antisemitischen Fundamentalistengruppe, darunter ein rechtsextremer notorischer Holocaustleugner.

Offenbar musste man bei Benedikt XVI. genauer und mit einer Hermeneutik des Verdachts hinsehen, um erkennen zu können, dass seine Politik einen doppelten Boden hat: die Fassade eines milden, freundlichen öffentlichen Auftretens, hinter der von ihm rasche, harte und gezielte Maßnahmen gesetzt werden, um die weitreichenden Schritte und Erneuerungen seines Vorgängers - vor allem im Bereich des Religionsdialogs - ohne großes Aufsehen rückgängig zu machen.

"Brücken der Freundschaft"?

Die Mehrheit der Meinungsmacher sah offensichtlich nur die Schauseite des neuen Papstes und zeigte sich zufrieden, dass alle Befürchtungen gegenüber dem obersten Glaubenswächter auf dem Papstthron unberechtigt gewesen seien. Der Ratzinger-Biograf und Vatikan-Korrespondent John Allen Jr. hat diese Rückkehr zu einer engen, traditionalistischen Form katholischer Identität, die Benedikt XVI. öffentlich in einer möglichst positiven Weise vermittelt, als "affirmative Orthodoxie" bezeichnet - sie ist für ihn der Schlüssel zum Verständnis dieses Pontifikats (National Catholic Reporter, 3. 1. 2008).

Die Strategie der "affirmativen Orthodoxie" begann mit dem Amtsantritt von Joseph Ratzinger. In der programmatischen Antrittsrede als neugewählter Papst bekräftigte er vor den wahlberechtigten Kardinälen am 20. April 2005 in der Sixtina, dass er sich weiter um die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils bemühen werde, einschließlich der Verpflichtungen gegenüber der Ökumene und in der Haltung gegenüber den nichtchristlichen Religionen.

Bei einer Begegnung mit Vertretern der Ökumene und der anderen Religionen am 25. April, die an seiner Amtseinführung teilgenommen hatten, versprach er, "dass die Kirche auch weiterhin Brücken der Freundschaft mit den Anhängern aller Religionen bauen will ...".

Aber eine seiner ersten Entscheidungen im Rahmen der Kurienreform war die Abberufung von Erzbischof Michael L. Fitzgerald als Präsident des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog im Februar 2006, damals der zentrale interreligiöse Experte im Vatikan. Im März folgte der zweite Schlag gegen die organisatorischen Strukturen für den interreligiösen Dialog im Vatikan: die Aufhebung des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog als eigenständige Dikasterie der römischen Kurie und seine Unterstellung unter den Päpstlichen Kulturrat. Beides erfolgte fast ohne öffentliches Aufsehen, nur die Fachleute und Engagierten im interreligiösen Dialog waren entsetzt und alarmiert.

Die Strategie des Papstes schien aufzugehen. Die Belegschaft des Rats für den interreligiösen Dialog wurde drastisch verkleinert, die Führungspositionen umbesetzt. Ich traf zu dieser Zeit den Untersekretär des Rats Msgr. Felix Machado - der Letzte, der aus dem Team von Fitzgerald noch geblieben war - im Vatikan, um eine Sammlung der offiziellen Dokumente zum interreligiösen Dialog v. a. unter Johannes Paul II. zu planen und diesen kirchengeschichtlichen Moment der Öffnung, das Erbe des großen Dialog-Papstes, zu bewahren. Ich erinnere mich deutlich an das Klima der Angst im Büro von Machado und an seine Aussage, es seien nun Leute am Werk, die vom interreligiösen Dialog keine Ahnung hätten.

Diese Zerschlagung der seit 1964 gewachsenen Organisation für die Begegnung mit den anderen Religionen auf internationaler Ebene durch Papst Benedikt bildete den Auftakt für alle weiteren bewussten Rückschritte gegenüber den Vertretern der Religionen, vor allem dem Islam und dem Judentum. Erst nach der massiven internationalen Krise nach dem Mohammed-Zitat ("Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden") in der Regensburg-Rede des Papstes im September 2006 wurde der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog wieder installiert. Aber auch hier ist die inhaltliche Orientierung der handelnden Personen entscheidend, nicht die formale Einrichtung.

Bezeichnende Audienz

Ein weiteres Beispiel für den doppelten Boden der päpstlichen Politik: Bei seiner Begegnung mit Muslimen in Köln am 25. August 2005 bekräftigte Benedikt, dass der Dialog zwischen Christen und Muslimen "eine vitale Notwendigkeit" sei, von der unsere Zukunft abhänge. Zwei Tage später, am 27. August, empfing der Papst in einer zunächst geheim gehaltenen Audienz in Castelgandolfo Oriana Fallaci, damals eine der radikalsten islamfeindlichen Stimmen in Europa, die Stichwortgeberin der rechtsextremen Parteien in Europa, wenn es um Islamhass geht - die erste Privataudienz des neuen Papstes für eine Italienerin.

Ein anderes Beispiel sind die jüngsten Vorgänge. Bei der traditionellen Audienz für Mitglieder des Internationalen Jüdischen Komitees für interreligiöse Beziehungen am 30. Oktober 2008 bezeichnete Benedikt XVI. den Dialog der Religionen und Kulturen als "heilige Pflicht" und die konziliare Erklärung Nostra Aetate, "die alle Formen von Antisemitismus entschieden verurteilte", als "bedeutsamen Meilenstein in der langen Geschichte der katholisch-jüdischen Beziehungen".

Was ist zu tun?

Drei Monate später wurde von ihm die Exkommunikation der Bischöfe der Pius-Bruderschaft aufgehoben, die das Konzil vor allem wegen seines Bekenntnisses zur Religionsfreiheit und seiner Öffnung für den interreligiösen Dialog nicht anerkennt und sich deshalb von der Kirche lossagte.

Es geht insbesondere um die radikale Änderung der Haltung der Kirche gegenüber dem Judentum: von einer Jahrhunderte dauernden "Lehre der Verachtung" (Jules Isaac) der Juden zu einer Haltung der Hochachtung gegenüber dem "Volk des Bundes" (Johannes Paul II.). Der Papst hat von den schismatischen Bischöfe vor ihrer Wiederaufnahme kein Bekenntnis zu den Lehren des Konzils abverlangt und somit ohne jede Auflage die beiden Bedingungen der Pius-Bruderschaft für eine Versöhnung erfüllt: den erweiterten Gebrauch des vorkonziliaren lateinischen Ritus und die Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe - beide Male um den Preis schwerster Belastungen der katholisch-jüdischen Beziehungen.

Den selbständig denkenden Katholiken blieb zumindest die Enttäuschung erspart, die idealisierte Autoritätsfigur des intellektuellen-Papstes zu verlieren, weil sie sich beim Amtsantritt gar keine Illusionen gemacht hatten.

Was ist nun zu tun? Kardinal König hat am Ende seines Lebens, das er dem authentischen Dialog mit den verschiedenen Weltanschauungen und Religionen gewidmet hatte, festgestellt: "Wir müssen uns mit aller Kraft bemühen, diesen Dialog offen zu halten und zu ihm zu ermutigen, trotz Warnungen der Alarmisten oder der fundamentalistischen Opposition." (Offen für Gott - offen für die Welt, 2006).

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Ernst Fürlinger, Theologe und Publizist, lebt in Wien. Vor kurzem erschien der von ihm herausgegebene Band "Der Dialog muss weitergehen. Ausgewählte vatikanische Dokumente zum interreligiösen Dialog" mit einem Vorwort von Kardinal Lehmann.

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    Ist der Mann auf diesem Titelblatt tatsächlich mit jenem, der heute die Geschicke des Vatikan lenkt, identisch?

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