"Für dieses Polen habe ich gekämpft"

5. Februar 2009, 19:30
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Der frühere Solidarnosc-Führer Henryk Wujec im STANDARD-Interview

Dass es möglich wurde, in Verhandlungen eine demokratische Regierung zu erreichen, hätte er nicht zu träumen gewagt, meint der frühere Solidarnosc-Führer Henryk Wujec. Gabriele Lesser sagte er auch, welche Rolle dabei ein US-Cowboy spielte.

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STANDARD: Herr Wujec, Sie haben als Solidarnosc-Vertreter 1989 am "Runden Tisch" in Warschau mit den Kommunisten verhandelt. Haben Sie damals erwartet, dass Sie zwanzig Jahre später in einem EU-Mitgliedstaat mit einer blühenden Demokratie leben würden?

Wujec: Wir hatten nicht die geringste Ahnung. Schließlich lebten wir seit 1945 im kommunistischen Block. Wir wussten, dass alle Versuche, sich von diesen Fesseln zu befreien, mit dem Einmarsch der sowjetischen Armee enden würden. So wie in 1956 Ungarn oder 1968 in der Tschechoslowakei. Unsere Hauptforderung war daher nur die Wiederzulassung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnooeæ. Was nach dem "Runden Tisch" kommen würde, übertraf alle unsere Vorstellungen.

STANDARD: Was war mit den Signalen aus Moskau: Glasnost und Perestroika?

Wujec: Uns war klar, es war viel möglich. Aber dass in Polen innerhalb von ein paar Monaten eine demokratische Regierung entstehen könnte und sich später sogar die sowjetische Armee freiwillig aus Polen zurückziehen würde, das hatten wir in unseren kühnsten Träumen nicht erwartet.

STANDARD: Wie finden Sie das heutige Polen?

Wujec: Schön! Es ist das Polen, für das ich gekämpft habe. Natürlich hat es immer noch viele Fehler und Mängel. Es ist weit entfernt von einem Idealzustand. Aber die kommenden Generationen müssen ja auch noch etwas zu tun haben. Nein, im Ernst: Was wir geschafft haben, ist eine große Sache.

STANDARD: Vom Gebäude der ehemaligen polnischen Botschaft in Berlin hängt ein großes Banner mit der Aufschrift "Es begann in Danzig". Warum ist das für Polen so wichtig?

Wujec: Weil eben wirklich alles in Danzig begann, das freie Polen, der Fall der Mauer, die samtene Revolution, das Ende des Kommunismus. Es begann in Danzig mit den Streiks auf der Lenin-Werft, wo die Arbeiter die erste unabhängige Gewerkschaft im damaligen Ostblock erkämpften. Die Solidarnooeæ machte es dann allen anderen vor. Wie man friedlich kämpfen kann, indem man im ganzen Land streikt. Was das Volk bewegen kann, wenn es das wirklich will. Dass es möglich ist, das scheinbar Unmögliche zu erreichen. Der Fall der Mauer begann in Danzig. Daran sollten sich die Deutschen erinnern.

STANDARD: Schmerzt es Sie, dass der Mauerfall zum Symbol für das Ende des Kommunismus wurde?

Wujec: Ja, das tut schon weh. Der runde Tisch ist ein Möbelstück, das sich nicht gut als Symbol eignet. Der Solidarnooeæ-Schriftzug ist zu polnisch, Papst Johannes II. wieder zu universal. Lech Walesa zerstörte seinen Ruhm als Arbeiterheld in der Zeit seiner Präsidentschaft, dazu kamen später noch die Spitzelvorwürfe aus dem Institut des Nationalen Gedenkens. Polen hat kein gutes Symbol. Daher sollte dieses Denkmal der fallenden Dominosteine mit Bildern aus Polen, Ungarn, Deutschland, Tschechien und den anderen Ländern des realen Sozialismus in Berlin stehen. Es ist eben so: Es begann in Danzig.

STANDARD: Sie haben 1989 ein Plakat lanciert: Gary Cooper aus dem Film "High Noon" geht darauf mittags ins Wahllokal. Statt der Colts hält er Wahlzettel in den Händen. Über ihm der Solidarnooeæ-Schriftzug.

Wujec: Ich organisierte damals die Wahlen für die Solidarnooeæ. Wir hatten nichts, kein Fernsehen, kein Radio, keine Zeitungen. Die Kommunisten hingegen hatten Zugang zu allen Massenmedien. Wir hatten Angst, die Wahlen zu verlieren, weil niemand wusste, wer zu uns gehörte. Bislang hatte die Opposition ja immer dazu aufgerufen, die Wahlen zu boykottieren. Diesmal sollten alle hingehen. Gesucht wurden Ideen für einprägsame Plakate und Flugblätter.

STANDARD: Warum ein Cowboy?

Wujec: Das war genial. Der Cowboy stand für den Traum, in Polen einst so frei zu leben wie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mit Gary Cooper haben wir die Wahlen gewonnen! Am Ende war Tadeusz Mazowiecki der erste nichtkommunistische Ministerpräsident in Polen und im gesamten Ostblock. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2009)

  • Zur Person
Henryk Wujec (68) war einer der wichtigsten
Solidarnosc-Aktivisten. Der frühere Abgeordnete zählt bis heute zu den
bedeutendsten polnischen Intellektuellen.

    Zur Person

    Henryk Wujec (68) war einer der wichtigsten Solidarnosc-Aktivisten. Der frühere Abgeordnete zählt bis heute zu den bedeutendsten polnischen Intellektuellen.

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