"1989 hat allen Seiten nur Positives gebracht"

5. Februar 2009, 19:22
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Leszek Miller, Polens Premier von 2001 bis 2004, im STANDARD-Interview

Nur durch die Verhandlungen am "Runden Tisch" konnte 1989 in Polen das Blutvergießen verhindert werden, sagte der frühere polnische Kommunist und Ex-Premier Leszek Miller im Gespräch mit Gabriele Lesser.

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STANDARD: Herr Miller, Sie haben 1989 als Kommunist an den Beratungen am "Runden Tisch" teilgenommen. Haben Sie damals mit dem Ende des Ostblocks gerechnet?

Miller: Das hat keiner der damaligen Teilnehmer vorhersehen können. Dies umso mehr, als wir am "Runden Tisch" eine vierjährige Übergangsphase vereinbarten, in der die Polnische Vereinte Arbeiterpartei (PVAP) zusammen mit ihren Koalitionspartnern die Mehrheit im Abgeordnetenhaus haben sollte. Es war keine Rede von einer nichtkommunistischen Regierung. Erst vier Jahre später sollte es zu freien Wahlen kommen.

STANDARD: Warum ist der "Runde Tisch" immer noch ein so wichtiges Symbol für die Polen?

Miller: Das ist eines der wenigen historischen Ereignisse, wo die Polen sich nicht eingestehen mussten, erst durch Schaden klug geworden zu sein. Der "Runde Tisch" ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Polen eine historische Chance nutzten. Der "Runde Tisch" war kein romantischer Aufstand, sondern eine rationale Art, an eine historische Situation heranzugehen.

STANDARD: Später entstand ein Mythos rund um den "Runden Tisch"?

Miller: Der "Runde Tisch" hatte damals erbitterte Gegner. Manche Politiker sagen bis heute: "Wozu sich mit den Kommunisten an einen Tisch setzen, man hätte sie verjagen sollen!" Nun kann man antworten: Ihr hättet dies tun können - und eine wirklich Revolution - mit Schüssen, viel Blut und Opfern gehabt.

STANDARD: Aber auch die Polnische Arbeiterpartei kann sich rühmen, dass 1989 kein Blut floss.

Miller: Die polnische Geschichte ist reich an tragischen Ereignissen, es starben so viele Polen, es wurde so viel Blut vergossen. 1989 hat aber der "Runde Tisch" allen Seiten nur Positives gebracht: der PVAP, der Solidarnooeæ und sogar der katholischen Kirche. Es ist schwer zu sagen, wer am Ende am meisten gewonnen hat. Meiner Ansicht nach hat Polen gewonnen, und das ist doch das Wichtigste. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2009)

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    Zur Person

    Leszek Miller war 1989 Mitglied im Politbüro von Polens Vereinigter Arbeiterpartei, später Chef der Sozialdemokraten und von 2001 bis 2004 polnischer Premier.

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