Als Bürgermut die Diktatur besiegte

5. Februar 2009, 19:25
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Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall: Die Wende begann in Polen

Vor zwanzig Jahren ging der Eiserne Vorhang auf und die Berliner Mauer wurde niedergerissen, Prag feierte seine "samtene Revolution". Damals glaubten viele an den Triumph des westlichen Kapitalismus, der nun ins Trudeln geraten ist.

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Polens Premier Donald Tusk ist es vor wenigen Tagen in Davos gelungen, von seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin die Zusage zu einem Polenbesuch im Frühjahr zu erhalten. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind seit langem gespannt, doch heuer, zwanzig Jahre nach 1989, sehen die Polen die Chance, sich als Vorkämpfer einer Welt ohne Kalten Krieg allseits positiv darzustellen.

Der 6. Februar ist der erste markante Termin in diesem an Gedenktagen - von der Öffnung des Eisernen Vorhangs zwischen Ungarn und Österreich über den Fall der Berliner Mauer bis zur "samtenen Revolution" in Prag - reichem Jahr. 1989 setzten sich in Warschau am 6. Februar die kommunistischen Machthaber um General Wojciech Jaruzelski erstmals mit den Oppositionellen um den Gewerkschafter Lech Walesa an den "Runden Tisch", wie er später auch in anderen Ländern des damaligen Ostblocks eingerichtet wurde.

Für Lech Kaczynski, den rechtsnationalen Präsidenten Polens, grenzten die damaligen Verhandlungen an Kollaboration. Und der 83-jährige Czeslaw Kiszczak, vor zwanzig Jahren Premier des kommunistischen Polen, sagte dieser Woche in einem Interview, dass es Walesa nur um sein Image gegangen sei. Doch die Form des Tisches symbolisierte die Gleichberechtigung der bis dahin geächteten, zeitweise eingesperrten Oppositionellen mit den KP-Funktionären, die damit schon halb kapituliert hatten. Das Tor zu einer gewaltlosen Wende öffnete sich. In Polen hatten sich Teile der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder gegen die Parteiendiktatur gewehrt, nach den großen Streiks im Sommer 1980 und der Entstehung der Gewerkschaft "Solidarität" war es sogar die Bevölkerungsmehrheit gewesen.

Anfang 1989 sah Jaruzelski ein, dass Polen ohne Machtteilung mit der Opposition wirtschaftlich zusammenbrach. Da damals in Moskau seit drei Jahren mit Michail Gorbatschow ein pragmatischer Reformer herrschte, war zu hoffen, dass er einem aus der Reihe tanzenden Ostblockland keine Panzer schicken werde. An Polens "Rundem Tisch" wurde die Abhaltung teilweise freier Parlamentswahlen ausgehandelt, die der KP aber die Spitzenposition sichern sollten.

Doch als die Wahlen am 4. Juni abgehalten wurden, feierte die zur Partei mutierte "Solidarität" einen derart triumphalen Sieg, dass in der Folge zum ersten Mal im Ostblock ein Nichtkommunist - Tadeusz Mazowiecki - Regierungschef wurde.

Die Wahlen wurden von einem anderen welthistorischen Ereignis überschattet: Auf Pekings Platz des himmlischen Friedens walzten Panzer die chinesische Demokratiebewegung nieder, es gab hunderte Tote. Das Risiko, dass sich solch ein Massaker anderswo wiederholen könnte, beschäftigte die Bürgerrechtler 1989 intensiv, obwohl die Wende nachher, als sie geschafft war, vielen Menschen wie selbstverständlich vorkam.

Am 5. Juni 2009 sind zu einer großen Veranstaltung in Warschau Michail Gorbatschow und, als Vertreter Deutschlands, Altkanzler Helmut Schmidt eingeladen. Überschattet wird dieses Ereignis auch dieses Mal: von der größten Wirtschaftskrise, die Polen und die Welt in diesen zwanzig Jahren erlebt hat. Der plötzliche Niedergang des 1989 als siegreich angesehen Kapitalismus dämpft die Feierlaune auch anderswo. Der Schriftsteller Pavel Kohout, ein Protagonist des Prager Frühlings von 1968, gab in einer Diskussionssendung im Radioprogramm Ö1 kürzlich zu bedenken, dass es 1989 in erster Linie um die Erlangung der parlamentarischen Demokratie, um die Abschüttelung der Diktatur gegangen ist.

Freiheitsdenkmal verschoben

In Deutschland haben Meinungsverschiedenheiten über die Frage, wer mehr zum Mauerfall beigetragen hat, dazu geführt, dass es auch 2009 das längst beschlossene "Einheits- und Freiheitsdenkmal" nicht geben wird. Nach langen Debatten wurde entschieden, dass um 15 Millionen Euro ein Monument in Berlin und ein weiteres in Leipzig errichtet wird, wo im Herbst 1989 hunderttausende Menschen bei den Montagsdemos für Ausreisefreiheit und Demokratisierung der DDR auf die Straße gingen. Die Denkmale werden heuer sicher nicht mehr fertiggestellt.

1989 hing die Entwicklung in der DDR unmittelbar mit den Veränderungen in Ungarn zusammen, wo seit 1988 KP-Reformer an der Macht waren, die den Forderungen der Zivilgesellschaft entgegenkamen. Dazu gehörte auch, dass ein humaner Rechtsstaat seine Grenzen nicht abschotten konnte, als ob das Land ein Hochsicherheitsgefängnis wäre. Zehntausende "Ossis", die in Ungarn Urlaub machten, sahen plötzlich die Chance, ohne langwierige Ausreiseverfahren oder lebensgefährliche "Republikflucht" in den Westen zu gelangen. Im Juni durchtrennten Alois Mock und Gyula Horn, die damaligen Außenminister Österreichs und Ungarns, symbolisch den Stacheldraht. Ab September war die Ausreise aus Ungarn in den Westen für alle möglich.

In der Wiener Hofburg wird im Mai im Rahmen einer u. a. vom Außenministerium initiierten Veranstaltungsreihe eine internationale Konferenz über diesen "Aufbruch in ein neues Europa" stattfinden. (Auf der Ebene der Europäischen Union wurde die Abhaltung eines EU-Sondergipfels im September in Polen überlegt, um an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren zu erinnern.)

Im Zusammenhang mit 1989 wird heuer auch der Wende in Rumänien und Bulgarien sowie des Endes der Pinochet-Diktatur in Chile gedacht. Näher liegt die samtene Revolution in der damaligen Tschechoslowakei, wo Massendemonstrationen Václav Havel vom verfemten Dissidenten in wenigen Tagen zu gefeierten Dichter-Präsidenten machten. Heuer wollen tschechische Künstler den Menschen in europäischen Städten aktionistisch näherbringen, wie es sich im Ostblock lebte.

Konferenzen und Symposien, bei denen es auch um die Frage gehen wird, ob 2009 der globalisierte Turbo-Kapitalismus ähnlich am Ende ist wie 1989 die Planwirtschaft, stehen auch in Berlin auf dem Programm, wo es zudem ein mehrtägiges "Bürgerfest" geben soll. Am 9. November, dem eigentlichen Jahrestag, soll zur Erinnerung an den Mauerfall eine 2,5 Kilometer lange Wand aus fast 1,5 Meter hohen Dominosteinen aufgestellt und dann umgeworfen werden. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2009)

Ein Buch von Erhard Stackl zur Geschichte der Wende erscheint mit dem Titel "1989 - Sturz der Diktaturen" im März im Czernin-Verlag.

  • So sah Standard-Karikaturist Oliver Schopf die Ereignisse in Polen vor 20 Jahren. DER STANDARD wird ab nun in loser Folge Artikel aus dem Wendejahr nachdrucken und mit aktuellen Berichten ergänzen.

    So sah Standard-Karikaturist Oliver Schopf die Ereignisse in Polen vor 20 Jahren. DER STANDARD wird ab nun in loser Folge Artikel aus dem Wendejahr nachdrucken und mit aktuellen Berichten ergänzen.

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    Verhandler der polnischen "Solidarität" 1989 bei den Gesprächen mit der kommunistischen Staatsmacht am "Runden Tisch" in Warschau: Bronislaw Geremek (3. v. li; später polnischer Außenminister), rechts neben ihm Tadeusz Mazowiecki (ab Sommer '89 Premier) und Lech Walesa (1990-95 Präsident)

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