Stunde der Obskuranten

5. Februar 2009, 18:57
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Der Obskurantismus reckt wieder einmal sein Haupt: Im Vatikan und in Windischgarsten, beim Voodoo und im Büro des Dritten Nationalratspräsidenten

Das Duden-Fremdwörterbuch definiert Obskurantismus als das Bestreben, die Menschen bewusst in Unwissenheit zu halten, ihr selbstständiges Denken zu verhindern und sie an Übernatürliches glauben zu lassen. Kein Zweifel, der Obskurantismus reckt wieder einmal sein Haupt. Im Vatikan und in Windischgarsten, beim Voodoo an der Jörg-Haider-Brücke und im Büro des Dritten Nationalratspräsidenten. Da darf der FP-Führer mit seinem Bestreben, sich als Inkarnation des Obskurantismus vor- und aufzudrängen, nicht fehlen.

Die deutsche Bundeskanzlerin ist den Dunkelmännern im Vatikan mit einer Klarheit entgegengetreten, die man bei österreichischen Politikern vergeblich suchen wird, die stehen lieber parat zur Förderung von Obskurantismus, indem sie seine Vertreter in präsidiale Ehren setzen und/oder als mögliche Partner nicht aus den Augen lassen.

Es ist schon eine Zumutung, was wir in diesen Tagen alles glauben sollen. Erst soll es nur eine nette Geste im Sinne der Einheit der Kirche gewesen sein, dass der Papst einen bischöflichen Holocaust-Leugner wieder in deren Schoß zurückholte. Dann waren schlechte Berater schuld an der Entscheidung, dann habe der Papst von Williamsons bizarrem Geschichtsbild nichts gewusst, und weil nichts davon auch nur annähernd glaubwürdig ist, mutierte der Vorfall schließlich zu einem Missverständnis und einer „Kommunikationskatastrophe". Katastrophe stimmt, in jedem Fall.

Was, wenn Williamson sich weigert, sich vom Heiligen Geist bezüglich des Holocaust erleuchten zu lassen? Das wäre eine schöne Blamage. Und tut er es, wird es nicht besser: Wer soll ihm, dessen Pius-Bruderschaft jüdische Bürger als Gottesmörder stigmatisiert, abnehmen, dass er von einem Tag auf den anderen von einem obskuren Antisemitismus zu einer historischen Wahrheit geläutert wurde, der er sich längst hätte versichern müssen, weil auf Fakten beruhend?

Glaubhafter könnte da schon der neue Linzer Weihbischof widerrufen. Wenn er in Harry Potter Satanismus am Werk sieht, kann er das immer noch als Ergebnis einer literarischen Fehlinterpretation ausgeben, sollte er das Mittelalter überwinden wollen. Über die erbsündliche Natur der Pippi Langstrumpf besteht ohnehin kein Zweifel. Nur die Homosexuellen, die sollten sich zusammenreißen und von ihrer Sünde abstehen - wie kommen christliche Heteros dazu, für fremde Laster von Hurrikanen verweht und in einem Aufwaschen von Tsunamis hinweggespült zu werden! Leider hat ER da ein kleines Differenzierungsproblem.

Die islamistischen Obskuranten, die mit Demokratie und einem laizistischen Rechtsstaat nichts am Hut haben, dafür umso mehr mit Märtyrern des Glaubens, werden aufgewogen von den deutschnationalen, die sich ihr geistiges Rüstzeug aus dem Dritten Reich und dem „Aufruhr"-Versand besorgen und sich so gern wehleidig als Märtyrer ihrer vorgestrigen Gesinnung darstellen, weil man sie mit dem Rechtsstaat (noch) nicht so aufräumen lässt, wie sie das als populistisch wünschenswert versprechen. Bürgerbewaffnung ist Straches aktueller Brunftschrei. Schießt er doch selber gern. Und obskure Opportunisten stehen parat, ihn mit Munition zu versorgen. (Günther Traxler, DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2009)

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