Gutmensch gegen Kriegsgewinnler

5. Februar 2009, 18:38
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Vom Verbrechen der Armut und von aufrichtiger Amoral handelt Bernard Shaws "Major Barbara". Peter Zadek inszenierte die selten gespielte Komödie mit vielen Stars im Schauspielhaus Zürich

Bertolt Brecht hat George Bernard Shaw einmal als Terroristen bezeichnet. Anerkennend, wohlgemerkt. Terrorist ist Andrew Undershaft, der Widersacher der Titelheldin in Shaws Komödie Major Barbara, keiner. Aber der Großindustrielle hätte keinerlei Skrupel, mit einem ins Geschäft zu kommen: Er pocht auf den "wahren Glauben eines Waffenfabrikanten", der da lautet: "allen Waffen zu liefern, die einen anständigen Preis dafür bieten, ohne Ansehen der Person oder der Prinzipien".

Ein Stück mit solchen Ansagen trifft gerade dort, wo die Medien am Vortag der Premiere vom aktuellen Schweizer Rekordhoch des Exports von Kriegsmaterial, vornehmlich nach Pakistan, berichteten, den Nagel auf den Kopf.

Peter Zadek hatte seine Shaw-Inszenierung im Vorjahr bei den Zürcher Festspielen präsentieren wollen, krankheitsbedingt ist die Aufführung erst jetzt zustande gekommen. Und sie packt inhaltlich, mit ihren Fragen nach Moral und Scheinmoral, nach Wertpapieren und Werten, und mit dem radikalen Ansatz, dass Armut "eine der sieben Todsünden" sei.

Moral und Schießpulver

Geld, laut Gertrude Stein das Einzige, was Mensch und Tier voneinander unterscheidet, ist der Handlungsauslöser: Für ihre Verhältnisse knapp bei Kasse, wendet sich Lady Undershaft, Mutter dreier junger Erwachsener mit mittelprächtigen Aussichten, an ihren Mann. Die Familie hatte seit Jahrzehnten getrennt vom Vater gelebt, da Lady Undershaft das Metier ihres Gatten ablehnte. Es entwickelt sich eine tauzieherische Annäherung zwischen dem geradeheraus "Geld und Schießpulver" predigenden Vater und der den Strohhut der Heilsarmee tragenden Tochter.

Jeder schnuppert in den Bereich des anderen hinein - schlussendlich kauft sich nicht nur der vermögende "Kriegsgewinnler" bei der Heilsarmee ein, sondern Babara wird durch ihren Verlobten auch noch Nutznießerin der Betriebe.

Elisabeth Plessen hat das Stück neu übersetzt und behutsam aktualisiert. Bei ihr spielt es nicht mehr 1905, sondern 1935: Auch damals gab es zwar den Begriff des "Gutmenschen" noch nicht, Plessens Wortwahl trifft aber präzise, was bei Helene Ritzerfeld noch "gute Leute" hieß: Angestochen wird schließlich das Unausweichbare einer rücksichtslos-gierigen Gesellschaft bis in ihre vermeintlichen Gegenentwürfe hinein.

Wie üblich großartig erweist sich Zadek in der Wahl der Darsteller. Robert Hunger-Bühler gibt den "Fürsten der Finsternis" in aller Bescheidenheit: Lässig unterspielt er die Pointen, präsentiert geschliffene Thesen und zynische Paradoxa wie Zinnsoldaten-Bonmots und verleiht ihnen gerade dadurch Sprengkraft. Weich, fast melancholisch gibt er sich als unauffällig erobernder Heimkehrer der Familie. Seine Ex spielt Nicole Heesters, dynamisch und voll charmanter Verve. Allein schon, wie sie das Wort "Heilsar-mee" ausspricht, als ob sie mit spitzen Fingern eine muffige Männersocke anfasste ...!

Ambivalente Moralistinnen

Julia Jentsch, in ihren Filmrollen auf Idealistin geeicht, verwächst nicht ganz mit Barbara. Das hat womöglich nicht nur mit der Schauspielerin, sondern auch mit der Rolle zu tun: Shaw, immerhin Verfasser eines Wegweisers für die intelligente Frau zum Sozialismus und Kapitalismus, gestaltet Barbaras Entwicklung seltsam ambivalent. Auch nicht frei von Ambivalenz ist die Rolle von Barbaras Verlobtem. Dem begegnet August Diehl dadurch, dass er die Rolle des Griechischlehrers mit einem süffisanten Dauerlächeln färbt.

Schlichtweg komisch dürfen André Meyer und Oliver Masucci ihre Parts anlegen: eer eine als Verlobter der zweiten Tochter (noch blasser als ihre Rolle: Miriam Maertens), der andere als hibbeliger Macho Bill Walker: Der hört sich an wie einer aus der Gegend ums norddeutsche Tötensen, und auch die anderen Geschöpfe in der Heilsarmee-Baracke sprechen mit Akzent: Das Schwäbeln der masochistisch aufopferungswilligen Heilsarmee-Fee trifft auf den alten Schweizer Säufer und auf die "ausländischen" Bekehrten, die es sich clever gerichtet haben zwischen Seelenheil und Grundversorgung.

Die Bühne hat Karl Kneidl Shaws Anweisungen entsprechend gestaltet. Hinzugefügt hat er ein überdimensionales Iglu-Fragment, das als Wand im Wohnzimmer beginnt. Pappkameraden gibt es sowohl dort (ein Ebenbild des Dieners) als auch bei der Heilsarmee, die propere Wohnsiedlung, die im Hintergrund des Bombers in Schwarz-Weiß zu sehen ist, ziert zuletzt farbig den Schlussvorhang.

Ein "Bombenerfolg" ist der Premierenabend nicht. Der freundliche Applaus schwingt sich erst mit einer nachgelegten, bezaubernden Sing- und Tanznummer, die im Kollektiv an der Rampe bestritten wird, zu Begeisterung auf. Stark wird der Jubel, als Peter Zadek die Bühne betritt und ihm spürbar Ehrfurcht entgegenbrandet. (Petra Nachbaur aus Zürich / DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2009)

  • Wie man sich moralisch sauber hält in zutiefst unmoralischen Zeiten: Julia Jentsch (Mitte) als Barbara, im Zürcher Schauspielhaus assistiert von Stars wie Jutta Lampe (rechts). 
 
 
    foto: gisela scheidler

    Wie man sich moralisch sauber hält in zutiefst unmoralischen Zeiten: Julia Jentsch (Mitte) als Barbara, im Zürcher Schauspielhaus assistiert von Stars wie Jutta Lampe (rechts).

     

     

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