Die 100 Anzeigen des Herrn X

5. Februar 2009, 18:47
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Ein Wiener ist für beinahe die Hälfte aller Rauchanzeigen in der Hauptstadt verantwortlich

Als Denunziant sieht er sich nicht, sondern als mündiger Bürger mit Zivilcourage, der auf das Gesetz pocht.

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Wien - Wie ein mieselsüchtiger Querulant schaut Herr X nicht aus. Im Gegenteil, Lachfalten entstehen in seinen Augenwinkeln, wenn er spricht - und erklärt, warum er für knapp 100 der 250 bisher in Wien erstatteten Anzeigen wegen Verstößen gegen das Tabakgesetz verantwortlich ist. Entspannt sitzt er Donnerstagmorgen vor dem Zimmer 217 im Magistratischen Bezirksamt des 15. Bezirks. Im ockerfarbenen Sakko und rosa Hemd, ohne Krawatte, sieht er nicht unsympathisch aus.
"Mir ist bewusst, dass manche die vielen Anzeigen für extrem halten können, aber ich mache das nicht aus niederen Beweggründen. Es geht mir um die Einhaltung des Gesetzes" , erzählt er mit ruhiger Stimme, ehe er seine Zeugenaussage im ersten Verfahren macht, das er ins Rollen gebracht hat.

Seit Jahresbeginn hat der Teilzeitbeschäftigte seine Runden gemacht. In 15 Wiener Einkaufszentren war er und hat angezeigt, in welchen Lokalen gegen das dort geltende absolute Rauchverbot verstoßen wurde. Nur in einem einzigen hat alles gepasst.

"Ich möchte niemanden bekehren, aber im Einkaufszentrum werde ich durch Tabakrauch belästigt" , erklärt er seine Motivation, während er seine Plastikmappe mit dem Gesetzestext und seinen Anzeigen in die Hand nimmt. Hier, im ersten Verfahren, geht es um die "Nichtraucherschutz-Kennzeichnungsverordnung" . Die besagt, wie seit dem 1. Jänner die Aufkleber an Eingangstüren auszusehen haben.

"Bei jedem zweiten fehlen die Pickerln, oder sie sind falsch" , hat er bei seinen Spaziergängen festgestellt. Nicht in den Einkaufszentren, sondern auf der Straße. Be-treten hat Herr X die Lokale nie, der Nichtraucher legt auch im STANDARD-Gespräch Wert auf strikteste Anonymität. "Am Anfang waren schon irrationale Gefühle da, dass die Wirte aggressiv werden. Aber dann hab ich mir gedacht, dass es doch kein Grund sein kann, wegen dieser Angst keine Zivilcourage zu zeigen."

Zwei falsche Wörter

Wie er sie vor dem "Restaurant Meisel" in der Hütteldorfer Straße gezeigt hat. Dort prangen auf der Eingangstür gleich zwei der Sticker, die zeigen, dass sowohl Raucher als auch Nichtraucher Zutritt haben. Allerdings: Unter den Piktogrammen steht "Rauchfreier Bereich im Lokal" . Und das ist falsch, weiß Herr X. Es muss "Abgetrennter Raucherraum im Lokal" lauten. So einen Aufkleber gibt es hier auch, eineinhalb Meter neben der Eingangstür. Auf der Vitrine, in der die Speisekarte aushängt - Grund für eine Anzeige.

"Das ist so was von ungerecht" , ist Wirtin Marlies Greilinger beim Standard-Lokalaugenschein empört. "Ich habe seit zwei Jahren einen Nichtraucherbereich, der Raucherbereich liegt im Keller. Und ausgerechnet ich bin angezeigt worden." Die Trennung zwischen Qualm und reiner Luft ist tatsächlich schwer zu übersehen: Im Windfang weisen große, handgeschriebene, Plakate darauf hin. In der Speisekarte ist es zu lesen. Auf jedem einzelnen Tisch steht ein "Nicht rauchen" -Schild. Die Holzpfosten der Ausschank zieren entsprechende Aufkleber.

"Ich hätte auch einen Antrag auf eine Umbaubewilligung stellen können, dann wäre bis 2010 alles beim Alten geblieben. Aber ich habe das bewusst nicht gemacht" , sagt die 56-Jährige, die das Lokal 1972 eröffnet hat. 91 Gäste haben unterschrieben, dass sie schon lange Nichtraucher schützt.

Herrn X wäre es auch lieber, wenn es ein klareres Gesetz gäbe, am besten ein totales Rauchverbot, sagt er. Aber so lange müsse die bestehende Regelung eingehalten werden. Als Denunziant sieht er sich nicht. Temposünder würde er nicht anzeigen. "Aber das Tabakgesetz betrifft viele, und es ist ein Affront, wie es ignoriert wird." Er hat auch schon einen Brief an den Gesundheitsminister und die Wiener Gesundheitsstadträtin geschrieben. Der Staat und nicht er als "mündiger Bürger" solle kontrollieren. Antworten der Politiker hat er noch keine bekommen. Dafür 13 Zeugenladungen an fünf verschiedenen Tagen - was ihn ärgert. "Ich habe ja schließlich auch noch andere Dinge zu erledigen."

Frau Greilinger erledigt auch etwas. Sie schneidet das korrekte Pickerl aus einem ausgedruckten Bogen und klebt es über das Vorhandene - das Illegale, das ihr die Anzeige von Herrn X gebracht hat. (Michael Möseneder, DER STANDARD - Printausgabe, 6. Februar 2009)

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