Sarkozy inszeniert die Krise zur Primetime

5. Februar 2009, 17:57
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Frankreichs Präsident versucht, mit einem großen TV-Interview die Ängste der Franzosen zu mildern

Von vielen Seiten unter Beschuss, versucht Frankreichs Präsident Sarkozy mit einem großen TV-Interview die Ängste der Franzosen zu mildern. Der Elysée hat bei der Journalisten-Wahl nichts dem Zufall überlassen.

Nicolas Sarkozy ist ein ausgezeichneter TV-Produzent. Bis ins Detail plante und orchestrierte er am Donnerstag eine Sondersendung, welche die großen französischen Fernsehkanäle TF1, France-2 und M6 ausstrahlten, mit ihm als Stargast. Der Titel des 90-minütigen Opus – "In Anbetracht der Krise" – stammte genauso aus dem Elysée wie der Sendeinhalt. Um spontane Fragen besorgter Bürger zu vermeiden, lehnte der Präsident den Vorschlag der Sender ab, einzelne Franzosen live zu Wort kommen zu lassen. An ihrer Stelle wurden Kurzreportagen produziert.

Sarkozy gab auch das Plazet zu den vier Interviewpartnern. Ein Rundfunkredakteur, der für seine Unvoreingenommenheit bekannt ist, wurde im letzten Moment "entfernt" , wie selbst der regierungsnahe Figaro schrieb. "Wir wollen solide und ruhige Interviewer, die klare Fragen stellen" , erklärte ein Elysée-Berater. Hauptinterviewerin wurde die TF1-Journalistin Laurence Ferrari. 2007 hatte sie Sarkozy persönlich seinem Freund Martin Bouygues, dem Besitzer von TF1, als Tagesschausprecherin "empfohlen", wie Pariser Medien berichteten. Kurz darauf lancierte – und gewann – Ferrari einen Prozess gegen Klatschmedien, die ihr eine Liaison mit dem Staatschef andichten wollten.

Am Mittwoch titelte der Canard Enchaîné voller Ironie: "Dabei hatte Sarkozy doch geschworen, dass es nach 20 Uhr keine Werbung mehr gebe!" Die satirische Wochenzeitschrift spielte nicht nur auf den Werbestopp im öffentlichrechtlichen Fernsehen an, sondern auch auf die nichteingehaltenen Wahlversprechen des Präsidenten. In einer Meinungsumfrage vor der TV-Sendung sprachen ihm nur noch 39 Prozent der Franzosen das Vertrauen aus, fünf Prozent weniger als im Vormonat.

Sarkozy wollte sich nach den Worten eines Beraters bemühen, "auf die Sorgen der Menschen einzugehen". Allerdings hat er kaum eine volkswirtschaftliche Handhabe: Nach einem ersten Ankurbelungsplan von 26 Milliarden Euro, der das Haushaltdefizit bereits auf fünf Prozent hochtreiben dürfte, sind die Staatskassen leer. Politisch ist der Staatschef noch mehr im Clinch. Die Präsidentin des Arbeitgeberverbandes Medef, Laurence Parisot, verlangte vor dem TV-Auftritt, dass Sarkozy die Gesetzgebung über Entlassungen lockere; nur so würden die Unternehmen auch wirklich Investitionen vornehmen und die Wirtschaft ankurbeln können, meinte sie.

Genau das Gegenteil verlangen Gewerkschaften und Linksopposition, die vor einer Woche eine Million Demonstranten auf die Straße – und Sarkozy damit in schwere Bedrängnis – gebracht hatten: Die Regierung müsse auf den geplanten Stellenabbau in der Verwaltung verzichten und die Welle von Sparplänen in der Privatwirtschaft gesetzlich "einrahmen".

In Gandrange (Lothringen) weihten von der Werkschließung bedrohte Stahlarbeiter diese Woche einen Gedenkstein ein, auf dem ein weiteres Versprechen Sarkozys symbolisch begraben wurde. Vor genau einem Jahr hatte der Staatschef die Fabrikarbeiter besucht und im Scheinwerferlicht der Kameras verkündet, dass er die Schließung notfalls mit Staatshilfen verhindern werde. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2009)

  • So sieht sich der französische Staatschef gern: Nicolas Sarkozy bei seiner offiziellen Ansprache zum Jahreswechsel. Auch in der Wirtschaftskrise greift er zum Fernsehen als Medium seiner Wahl.
    foto: epa

    So sieht sich der französische Staatschef gern: Nicolas Sarkozy bei seiner offiziellen Ansprache zum Jahreswechsel. Auch in der Wirtschaftskrise greift er zum Fernsehen als Medium seiner Wahl.

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