"Antithese zur Nazi-Diktatur"

5. Februar 2009, 10:56
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Süddeutsche Zeitung: "Die Kirche will mitten in der Gesellschaft leben. Dann muss sie auch akzeptieren, dass sich die Gesellschaft wehrt"

München/Berlin - Mit der von kirchlicher Seite kritisierten Forderung der deutschen Bundeskanzlerin an den Papst nach einer Klarstellung bezüglich der Holocaust-Leugnung des Traditionalisten-Bischofs Richard Williamson, dessen Exkommunikation aufgehoben worden ist, befassen sich am Mittwoch Pressekommentatoren:

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Erstmals in der jüngeren deutschen Geschichte hat sich ein höchstrangiger Politiker, die Bundeskanzlerin nämlich, nicht in bittendem, sondern in forderndem Ton an den Papst gewandt. Er solle Klarheit schaffen, verlangte Angela Merkel, dass es keine Leugnung des Holocaust geben dürfe. Bisher sei dies nicht hinreichend deutlich erfolgt. Und dann warf Merkel dem vatikanischen Staatsoberhaupt indirekt auch noch vor, dass seine Worte und Handlungen den 'positiven Umgang mit dem Judentum insgesamt' in Zweifel zögen. Es ist ein großer Unterschied, ob Kolumnisten oder notorische Papst-Kritiker solche Vorwürfe äußern oder die deutsche Kanzlerin. Wie groß dieser Unterschied ist und als wie groß er auch im Vatikan empfunden wird, zeigt die prompte Reaktion: Der Papst ließ Bischof Richard Williamson jetzt zum Widerruf auffordern.

Das macht den Fehler Benedikts nicht geringer, aber immerhin versucht er nun, alarmiert vom Proteststurm, eine Teil-Wiedergutmachung. Die Kanzlerin hat mit ihrer Ermahnung richtig gehandelt und sie hatte, anders als dies nun mancher Bischof insinuiert, alles Recht dazu. Dies ist keine Einmischung in die Angelegenheiten der katholischen Kirche, sondern die Antwort darauf, dass der Papst gegen die Religion verstoßen hat, nämlich gegen die Zivilreligion, die in diesem Land gilt. (...) Zur deutschen Zivilreligion gehört das an christliche Werte angelehnte Menschenbild des Grundgesetzes. Zentraler Pfeiler ist aber auch das 'Nie wieder', die Bundesrepublik als staatlich organisierte Antithese zur Nazi-Diktatur. Die Kirche will mitten in der Gesellschaft leben. Dann muss sie auch akzeptieren, dass sich die Gesellschaft wehrt, wenn der Papst die Kirche an den Rand zu rücken scheint."

"die tageszeitung" (TAZ) (Berlin):

"Es wird wohl nicht allein an Angela Merkel gelegen haben, dass sich der Vatikan am Ende zu einer deutlichen Kurskorrektur genötigt sah. Stärker dürfte das Wort der deutschen Bischöfe, die sich deutlich von Benedikt distanziert hatten, ins Gewicht gefallen sein. Nicht während seiner wöchentlichen Generalaudienz, dafür per Pressemitteilung gab der Papst seine Kehrtwende bekannt. Dass Benedikt XVI. selbst die Leugnung des Massenmords an den Juden in keiner Weise billigt, hatte er schon zuvor deutlich gemacht.

Mit seiner Aufforderung an Williamson, seine umstrittenen Äußerungen zur Shoah 'in unmissverständlicher Weise' zu widerrufen, wenn er als katholischer Bischof vollständig rehabilitiert werden wolle, hat er jetzt gerade noch die Kurve gekriegt. Indem er behauptet, von diesen Äußerungen nichts gewusst zu haben, wäscht der Papst seine Hände in Unschuld. Und indem er es Williamson überlässt, über seinen Schatten zu springen, betreibt er Schadensbegrenzung. So hat er seine angekratzte Autorität zumindest vorerst wiederhergestellt."

"Stuttgarter Zeitung":

"Merkel hat vielen Menschen aus dem Herzen gesprochen, als sie vom Papst eine Klarstellung (...) gefordert hat. Einhellig ist das Echo nicht ausgefallen. Dass abseits vom Kanzlerwort weitere diplomatische Kanäle bemüht worden seien, um Einfluss gegenüber Rom geltend zu machen, wollte Berlin nicht bestätigen. Lediglich mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, habe Merkel gestern früh telefoniert. Das könnte allerdings schon damit zu tun haben, dass aus dem kirchlichen Raum und aus den Unionsparteien auch kritische Stimmen an Merkels Vorgehen laut geworden waren."

"Le Monde" (Paris):

"Auch wenn Benedikt XVI. immer schon bekräftigt hat, im Zweiten Vatikanischen Konzil vielmehr 'eine Kontinuität' als einen 'Bruch' mit der Tradition der Kirche zu sehen, kann man an seinem Wunsch, die Fundamentalisten zu rehabilitieren, doch ohne Zweifel auch eine Art ablesen, die Grenzen des Konzils zu betonen und insbesondere eines seiner propagierten Ziele: die Aussöhnung der Kirche mit der modernen Demokratie. (...) Es fällt dennoch schwer zu glauben - wie es einem bestimmte Leute glauben machen wollen -, dass der Papst den düsteren kulturellen und ideologischen Hintergrund von einem Teil der Fundamentalisten, den er bereit ist, wieder aufzunehmen, nicht kennt. Es fällt auch schwer zu glauben, dass ihn seine Isolation im Vatikan und sein hohes Alter davon abhalten, die Auswirkungen seiner Entscheidungen zu ermessen, und dass die Kurie, die ihn umgibt und die ihn berät, reaktionärer ist als er..."

"La Stampa" (Turin):

"Endlich hat der Vatikan in eindeutiger Weise Richard Williamson aufgefordert, seine den Holocaust leugnenden Thesen zurückzunehmen. Es war auch Zeit (...). Es ist wahrscheinlich, dass diese Wende nach längerer Ungewissheit nicht zuletzt der klaren Stellungnahme der Bundeskanzlerin Angela Merkel zu verdanken ist. Sie hatte im Namen all ihrer Mitbürger den Papst öffentlich und ausdrücklich um eine unmissverständliche Klarstellung gebeten. Es war nicht zu verstehen, wie gerade 'der deutsche Papst' nicht verinnerlicht haben sollte, dass die zivile und religiöse deutsche Gesellschaft, für die die Erinnerung an den Holocaust ein wesentliches und einheitsstiftendes Moment darstellt, durch die Rehabilitierung von Williamson zutiefst verletzt werden konnte. Es ist begrüßenswert, dass in einem Europa der peinlich berührten oder gleichgültigen Politik es die deutsche Kanzlerin gewesen ist, die ohne falsche Schüchternheit das Problem bei den Hörnern gepackt hat."

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Die deutsche Kanzlerin gegen den deutschen Papst. In einem ungewöhnlichen und unerwarteten Vorstoß hat Angela Merkel mit Nachdruck in den scheinbar nur religiösen Streit um die Entscheidung des Papstes eingegriffen. Die Kanzlerin hat die Frage damit auf ein politisches Terrain verschoben. (...) Benedikts Entscheidung, die Exkommunikation der vier Traditionalisten aufzuheben, darunter des Holocaust-Leugners Williamson, hatte in den vergangenen Tagen eine Welle der Proteste ausgelöst, wie es bisher wenige gegeben hat. Nicht nur jüdische Gemeinden, sondern auch zahlreiche Bischöfe haben sich öffentlich gegen diese päpstliche Entscheidung gestellt. Frau Merkel hat sich zur Wortführerin eines Großteils des Landes gemacht." (APA/AFP/dpa)

 

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