Spaniens Heime als Hölle für Kinder

4. Februar 2009, 20:47
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Schwere Vorwürfe gegen Behörden: Jugendliche werden geschlagen, gefesselt, isoliert - Es gibt keine Regeln für Bestrafungen

Es ist offenbar die Hölle, was die Kinder und Jugendlichen in Spaniens Heimen durchleben müssen. Zumindest laut einem Bericht des "Verteidigers für Bürgerrechte" Enrique Múgica (entspricht dem österreichischen Volksanwalt), den dieser kürzlich dem spanischen Parlament vorlegte.

Brutale Behandlung

Die Details in dem 500 Seiten starken Bericht über den Zustand in Spaniens Kinderheimen führen in der Öffentlichkeit zu heftigen Debatten: So würden die Heimbewohner zur Strafe bis zu 72 Stunden isoliert, geschlagen, mit Medikamenten ruhiggestellt und in vier Zentren sogar gefesselt. In den meisten Einrichtungen müssten die Jugendlichen ihre Briefe der Heimleitung vorlegen. Die Zimmer würden regelmäßig durchsucht. Und in einigen Zentren müssten sich auch die Heimbewohner regelmäßig entkleiden und auf Drogen absuchen lassen. "Ich habe gesehen, wie ein Erzieher ein Kind, das nur 1,50 Meter groß war, brutal gegen die Wand schlug", zitiert die spanische Tageszeitung El País aus dem Brief eines Kindes. Im Dezember vergangenen Jahres erhängte sich in einem Heim im zentralspanischen Guadalajara ein zwölf Jahre altes Kind, das die Behandlung nicht mehr aushielt.

Starke Medikamente für Kinder

Múgica untersuchte 27 der insgesamt 58 spanischen Heime. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen sind nicht etwa wegen einer Straftat verurteilt. Es sind schwer erziehbare und verhaltensauffällige junge Menschen, deren Erziehungsrecht bei den Behörden liegt. Zuständig für die Einrichtungen sind die spanischen Regierungen der spanischen Autonomien, vergleichbar den Bundesländern. Jedoch nur zwei der überprüften Heime unterstehen direkt den Behörden. Der Rest wird mit öffentlichen Geldern von privaten Stiftungen geführt. Ursache für die harte Bestrafung sei oft die Tatsache, dass "die Jugendlichen den Erziehern widersprechen", heißt es im Bericht. Manche Kinder würden so stark mit Medikamenten behandelt, dass es für die Lehrer unmöglich sei, mit ihnen zu arbeiten.

Keine Regeln für Bestrafung

Es gibt keine für alle Heime gültigen Regeln. Jede Einrichtung bestimmt selbst für was, welche Bestrafung angewandt wird. "Hinter Ausdrücken wie 'erzieherische Maßnahmen' verstecken sich in Wirklichkeit strafbare Handlungen", schlussfolgert Múgica. Die Zentralregierung in Madrid hat mittlerweile die Staatsanwaltschaft beauftragt, die Situation in den Heimen zu untersuchen. Auch wenn die Heime nicht in den direkten Zuständigkeitsbereich ihres Ministeriums fallen, könne die Regierung "bei solch schweren Vorwürfen nicht untätig bleiben", begründet Bildungs- und Sozialministerin Mercedes Cabrera.(Reiner Wandler aus Madrid, DER STANDARD Printausgabe 5.2.2009)

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