Von Bischofsweihen und Kardinalstugenden

4. Februar 2009, 20:01
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Ein Einblick in die in die katholische Denk- und Ämter-Welt - Von Peter Planyavsky

Keine Frage: niemand soll den Holocaust leugnen, und schon gar nicht soll jemand mit dieser Einstellung eine leitende Funktion innehaben. Davon völlig abgesehen (falls möglich), wird in der verständlichen Aufregung um die Rehabilitierung von Bischof Williamson allerdings unpräzis argumentiert. Man muss sich zunächst ein wenig in die katholische Denk- und Ämter-Welt einfühlen.

1. "Bischof" ist - einerseits - die höchste Weihestufe (Diakon - Priester - Bischof); andererseits bezeichnet "Bischof" auch jemanden, der diese Weihe hat und dann einer Diözese vorsteht oder ein anderes wichtiges Amt innehat. Eine Weihe kann im kirchenrechtlichen Sinn "gültig" sein oder auch nicht; wenn sie gültig ist, ist sie nach katholischem Verständnis unauslöschlich; die Bischofsweihe kann nicht "aberkannt" werden. Eines Amtes hingegen, das ein zum Bischof Geweihter innehat, kann dieser auch wieder enthoben werden.

2. Williamson wurde 1988 vom - bereits 1976 suspendierten - Bischof Marcel Lefebvre zum Bischof geweiht; diese Weihe ist kirchenrechtlich unerlaubt. Durch diesen Akt wurden der Weihende und die vier Geweihten automatisch exkommuniziert.

3. Vulgär ausgedrückt: Williamson wurde aus einem Verein ausgeschlossen, weil einer, der in diesem Verein nichts mehr zu bestimmen hatte, ihn dennoch in den Vorstand berufen hat. Nun bietet man ihm an, wieder einzutreten (unter gewissen Bedingungen). Er wird aber nicht Schriftführer oder Vizepräsident des Vereins.

4. Sollte Williamsons Bischofsweihe anerkannt werden und/oder sollte er gar eine wichtige Funktion in der Kirche bekommen - dann wäre nicht nur die bereits derzeit herrschende Aufregung am Platz.

5. Streng genommen hat die Frage der Holocaust-Leugnung aber nichts mit dem Weihesakrament zu tun (mit einem allfälligen Amt schon) und auch nichts mit der Aufhebung der Exkommunikation.

Kardinal Schönborn hätte sich auf diesen Standpunkt zurückziehen können; dass er es nicht tat, spricht gegen seine Berater und erinnert an frühere mediale Ungeschicklichkeiten. Es sei jedoch fern von mir, Schönborn beizuspringen, denn im zweiten Teil des ZiB-Interviews hat er die Unschärfe einer Fragestellung sofort ausgenützt und - diesmal wohl absichtlich - am Kern vorbeigeredet. "Lateinische Messen hat es immer gegeben", versicherte er, wohl wissend, dass es um die tridentinische Messe und nicht um die Sprache geht. Er hat elegant verschwiegen, dass es Vaticanum-II-Messen waren, die da "immer auf Lateinisch" gefeiert wurden. Die tridentinische Liturgie ist Aus- und Abdruck eines ganz anderen Kirchensystems. Das Vaticanum II wollte generell mehr Mitverantwortung des Laien; dem entsprach die reformierte Liturgie mit mehr Beteiligung des "Volkes". Mehr noch - die Polarität zwischen der kirchlichen Hierarchie und dem "Volk" sollte in ihrer bisherigen Schärfe aufgehoben werden; letztlich ist das der Kernpunkt und nicht die Frage, welche Sprache man gerade "wählt" für eine Messe. Die Einführung der Muttersprache in der Liturgie war eine Folge der Veränderungen im Selbstverständnis der Kirche.

Schließlich : "Es gibt ja gar nicht weniger Priester in der Erzdiözese Wien", lautete Schönborns freundliches Abschiedstatement. Dazu erübrigt sich jeder Kommentar - außer: Wer brieft Schönborn? (DER STANDARD, Printausgabe, 5.2.2009)

Peter Planyavsky ist ehemaliger Domorganist zu St. Stephan

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