Contra: Glauben lernen

4. Februar 2009, 19:39
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Ethikunterricht kann allenfalls eine Ersatzmaßnahme sein - Von Conrad Seidl

Im Religionsunterricht kann man eine ganze Menge seltsamer Dinge lernen. Im islamischen offenbar eine Verherrlichung der Märtyrer im Glaubenskampf, vorgetragen von Lehrern, von denen einige die Werte ihres Glaubens höher einstufen als die Werte unserer demokratisch-säkularen Gesellschaft. Große Aufregung.
Und im römisch-katholischen Unterricht? Da lernt man etwa, dass Jesus Christus nach seiner Kreuzigung ins Reich der Toten hinabgestiegen sei, man diskutiert, ob dies, wie der lateinische Text des Glaubensbekenntnisses nahelegt, eine "Höllenfahrt" war. Natürlich lernen auch christliche Schüler von ihren Heiligen und Märtyrern, auch wenn diese in ihrer Mehrheit Gewaltfreiheit vorgelebt haben. Ob christliche Religionslehrer alle überzeugt sind, dass die Werte des Staates höher stehen als die ihrer Kirche, weiß man nicht - eine Selbstverständlichkeit ist das jedenfalls nicht.

Das sind für jene, die den jeweiligen Religionsgemeinschaften nicht angehören, schwer zu akzeptierende Gegebenheiten. Wäre es da nicht besser, wertungs-, aber nicht wertfrei die Inhalte der verschiedenen Religionen vorzutragen und säkulare Maßstäbe der Ethik zu vermitteln? Nein, das wäre es nicht - Ethikunterricht kann allenfalls eine Ersatzmaßnahme sein, um ein philosophisches Unterfutter zu liefern, wo der Glaube fehlt.
Wer aber im Glauben lebt, sollte die Werte seiner Glaubensgemeinschaft lernen und Orientierung finden, wie man nach diesen Werten in unserer Gesellschaft lebt. Das ist ohnehin schwieriger als das Büffeln abstrakter Ethik-Lehre. (Conrad Seidl/DER STANDARD-Printausgabe, 5. Feber 2009)

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