Sich nicht fürchten

4. Februar 2009, 19:31
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In Zeiten der Krise ist sich jeder selbst der Nächste - Von Leo Szemeliker

In Zeiten der Krise sind hehre Ideen wenig wert. Das zeigt sich wieder einmal an der Diskussion über Pro und Kontra in der Frage der Öffnung des österreichischen Arbeitsmarktes für Menschen aus jenen Ländern, die Mitte 2004 der Europäischen Union beigetreten sind. Die heimische Regierung will jetzt alles unternehmen, dass die Kommission in Brüssel mit ihrem Wunsch zur Hebung aller Schranken nicht durchkommt. Die Idee eines gemeinsamen Europas, in dem jeder Bürger sich frei für einen Arbeitsplatz entscheiden darf, wird damit jedenfalls unterhöhlt.

Doch in Zeiten der Krise ist sich jeder selbst der Nächste, scheint es. Regierungschefs schnüren Konjunkturpakete, die stets die jeweils heimische Industrie bevorzugen sollen. Wen wundert es, wenn englische Raffinerie-Arbeiter wütend auf ihre Kollegen aus Italien und Portugal sind, die mitten in der Rezession auf die Insel arbeiten kommen.

Ob Österreich nun die Schranken für unsere gar nicht mehr so neuen EU-Nachbarn öffnet oder nicht - es wird schwere Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt geben. Die ersten Anzeichen lieferte die Statistik für den Jänner mit zwölf Prozent mehr Menschen auf Jobsuche. Österreich wird aber gut beraten sein, zumindest weiterhin selektiv den Arbeitsmarkt zu beobachten und für jene Berufe, an denen noch immer Mangel herrscht, Facharbeiter zuziehen lassen.

Falsch wäre ein Schielen in Richtung eines undifferenzierten Rechtspopulismus oder die Furcht vor EU-feindlichen Boulevardmedien. Abschottungen und protektionistische Maßnahmen haben bisher Krisen immer nur verstärkt.(Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.2.2009)

 

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