Ein Länderüberblick

4. Februar 2009, 19:25
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Vom Sperrgebiet für Religionen bis zum täglichen Gottesdienst

Schule ist Sperrgebiet für die Religionen

Religion hat in Frankreichs öffentlichen Schulen nichts zu suchen: Dieses eherne Prinzip geht auf die scharfe, 1905 beschlossene Trennung von Kirche und Staat zurück. Die französischen Laizisten wachen sorgsam über die Einhaltung.

Seit den 9/11-Anschlägen von 2001 mehren sich aber Stimmen, dass die Unkenntnis der Religionen Intoleranz und Ablehnung fördere. Der christlich inspirierte Philosoph Régis Debray und der sozialistische Ex-Kulturminister Jack Lang plädieren dafür, in Geschichte oder Philosophie über Religionen zu sprechen. Einen eigenen Religionsunterricht lehnen aber auch sie ab. Nur Staatschef Nicolas Sarkozy scheint als einer von ganz wenigen dafür zu sein. 2008 sprach er sich vor dem jüdischen Dachrat Crif dafür aus, dass "Religionsvertreter" zugezogen werden sollten, um "unsere Kinder zu öffnen" . Er wird sich kaum durchsetzen. "Ethische" Aspekte könnten laut Bildungsminister in neuartigen Moral-Kursen vermittelt werden. (Stefan Brändle aus Paris)


Matura auch für Nicht-Kirchgänger

In Polen reicht der Streit um den Religionsunterricht bis in die 1950er-Jahre zurück. Die Kommunisten verbannten Religion aus den Schulen. Nach 1989, als die Freiheitsbewegung Solidarnoœć die Wahl gewonnen hatte, wurde der Religionsunterricht wieder eingeführt. Aber die Grundfrage konnte bis heute nicht geklärt werden: Sollen die Kinder im Religionsunterricht etwas über Religion oder gar Religionen lernen, oder sollen sie den katholischen Glauben einüben, Gebete auswendig lernen, das Kreuzzeichen richtig ausführen, für den Kirchgang am Sonntag mit einer guten Note belohnt werden?
Mit der Debatte über die Einführung von Ethik und Religion als Maturafächer kochte 2008 das Thema erneut hoch. Zudem begannen Protestanten, Russisch-Orthodoxe, Juden und Muslime zu fragen, wie es denn mit Religionsunterricht für ihre Kinder aussehe. Immerhin soll nun der regelmäßige Kirchgang nicht mehr über die Note im Maturafach Religion entscheiden. (Gabriele Lesser aus Warschau)


Bischöfe suchen sich die Lehrer aus

Im Mutterland der katholischen Kirche genießen die 25.000 Religionslehrer einen Sonderstatus: Sie werden vom Staat bezahlt, aber von der Kirche ausgewählt. Wer nicht über das Nihil obstat des bischöflichen Ordinariats verfügt, darf in keiner staatlichen Schule Religion unterrichten - so will es das Konkordat zwischen Staat und Vatikan.

Dass Religionslehrern zur Berufsausübung der Persilschein des Bischofs genügt, während alle anderen Lehrkräfte nur über langwierige Wettbewerbe zu einer Stelle kommen, sorgt seit Jahren für Kritik. Die EU hat unlängst Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit dieser Normen angemeldet.
Offiziell ist in Italien nur der Unterricht der katholischen Religion zugelassen. Eltern können ihre Kinder aber abmelden.

In der Grundschule sind zwei Wochenstunden vorgesehen, an den Oberschulen eine. In den Großstädten bieten mehrere muslimische Gemeinden außerhalb der Schulzeit Islam-Kurse an. (Gerhard Mumelter aus Rom)


Im roten Berlin tobt der "Religionskrieg"

"Nun sag, wie hast du's mit der Religion?" Diese Gretchenfrage sorgt derzeit vor allem in Berlin für heftige Debatten. Grundsätzlich ist an deutschen Schulen katholischer und evangelischer Religionsunterricht ein Pflichtfach. Für den Inhalt sind die Glaubensgemeinschaften verantwortlich, die Lehre steht unter staatlicher Aufsicht. In manchen Bundesländern findet im Rahmen von Modellversuchen auch "islamische Unterrichtung" statt, ebenso jüdischer Religionsunterricht und in Berlin sogar an drei Schulen buddhistischer Unterricht.
Ethikunterricht wird in allen 16 Bundesländern angeboten. Wer nicht in Religion geht, ist zum Ethikunterricht verpflichtet. Im rot-rot regierten Berlin allerdings ist Ethik Pflichtfach und der Besuch des Religionsunterrichts freiwillig. Was zu einem starken Rückgang geführt hat. Das Volksbegehren "Pro Reli" setzt sich derzeit mit viel Zustimmung aus der Bevölkerung für die Gleichberechtigung beider Fächer im Lehrplan ein. (Birgit Baumann aus Berlin)


Ein Gottesdienst täglich muss sein

Staatsschulen in Großbritannien kennen keinen konfessionell getrennten Religions- oder Ethikunterricht. Vom ersten Schuljahr an lernen die Kinder, was die großen Weltreligionen verbindet und unterscheidet. In der Sekundarstufe werden ethische Fragen behandelt und aus religiöser wie nichtreligiöser Sicht beleuchtet. Das Fach soll "nachhaltige Entwicklung" fördern, die Schüler sollen "unterschiedliche Religionen, Glaubenssysteme, Werte und Traditionen verstehen und respektieren" . Paradoxerweise gilt bis heute auch die Regel, dass Schulen einen "täglichen Gottesdienst" anbieten müssen, von dem Eltern ihre Kinder aber abmelden können.
Ihren Einfluss auf die Kindererziehung sichern sich die christlichen Kirchen durch den Unterhalt staatlich anerkannter und geförderter Schulen. Ein Viertel der englischen Primarschulen werden von der anglikanischen Staatskirche verantwortet, zehn Prozent von der römisch-katholischen Kirche. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD-Printausgabe, 5. Feber 2009)

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