Forderung nach Ethik­unterricht wieder lauter

4. Februar 2009, 19:15
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Das Thema Religion sorgt in Österreich für Aufregung als Reaktion auf demokratie­skeptische Islam-LehrerInnen

Warum ist der Himmel blau? Warum muss ich jetzt schon schlafen gehen? Warum darf ich nicht länger fernschauen? - Wenn Kleinkinder in die Warum-Phase kommen, wird's für Eltern schwierig. Ähnlich scheint es mit dem Ethikunterricht zu sein, der als intensivierte Warum-Phase für Jugendliche für alle Beteiligten herausfordernd ist.

Seit 1997 versucht sich Österreich in Ethik, über den Status als Schulversuch ist das Fach aber nie hinausgekommen. Gestartet wurde mit acht Standorten in Tirol, Vorarlberg und Wien, 2008 gab es österreichweit 132 Ethik-Schulen.

Jetzt, nach Bekanntwerden der Demokratiedefizite von rund einem Fünftel der Islam-Lehrer in Österreich, tauchte der Ethikunterricht wieder als rettende Insel auf.  Aber was kann Ethikunterricht leisten? Retten, was im Religionsunterricht nicht zu retten ist? Die retten, die sich vom Religionsunterricht nicht retten lassen wollen?
Viele Antworten dazu liegen seit 2000 in Schubladen. Die damalige Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) beauftragte den Religionspädagogen und Erziehungswissenschafter Anton Bucher von der Uni Salzburg mit einer Evaluation des Ethikunterrichts, ließ sich die Ergebnisse referieren - und ward nie mehr zu sprechen in der Sache, sagt Bucher zum Standard.

Seine Studie liefert eine Entwarnung für die Verteidiger des Religionsunterrichts. Anders als von vielen befürchtet, ging die Religionsabmeldungsrate mit der Einführung von Ethik sogar um 20 Prozent zurück. "Zuerst war die Alternative Religion oder Kaffeehaus." Was ist das Ziel des Fachs Ethik? Nicht nur edle, hilfreiche und gute Jugendliche, warnt Bucher vor unrealistischen Erwartungen. "So wie wir im Deutschunterricht nicht lauter neue Rilkes erwarten, kommen aus dem Ethikunterricht nicht lauter junge Gandhis raus."
Allerdings zeigte eine Studie aus Salzburg doch, dass Schüler, die ein Jahr Ethik-Unterricht hatten, "deutlich weniger ausländerfeindlich eingestellt waren", so Bucher.

Drei Viertel der Schüler (Hauptanmeldemotiv war Interesse und Neugier, zweithäufigstes Motiv Desinteresse oder Unzufriedenheit mit dem Religionsunterricht) sagten, sie seien in ethischer Reflexion gefördert worden, könnten andere Ansichten besser tolerieren und wüssten über andere Religionen Bescheid, und sie wollten das Fach weiterhin besuchen.  Neun von zehn Ethik-Lehrern beobachteten in ihren Klassen eine Entwicklung zu mehr Toleranz, Empathie und Diskussionskultur. Der Philosoph und Leiter des Uni-Lehrgangs Ethik an der Uni Wien, Peter Kampits, beschreibt die Aufgabe des Ethikunterrichts so: "Wo die Moral sagt, du sollst das lassen, fragt die Ethik, warum? Warum soll ich moralisch sein?"

Gute Frage. Aber ist das Gute auch für alle gut? Ja, wenn man es so definiert wie Anton Bucher und eine "normative Ethik" meint, die um Begriffe wie Toleranz und Menschenrechte kreist. "Da gibt es keine Beliebigkeit." Egal, mit welcher konfessionellen Brille betrachtet. Bucher würde sich "persönlich" wünschen, dass "alle Schüler ein Fach wie Lebensgestaltung-Ethik-Religionen besuchen" . Der katholische Religionspädagoge könnte "damit sehr gut leben" . Angesichts der politischen Verhältnisse hält er die Empfehlung für Pflichtethikunterricht "realpolitisch im Moment aber für nicht durchsetzbar" .

Auch für Philosoph Kampits wäre "ein Pflichtfach Ethik für alle Schüler die beste Lösung" . Wenngleich nicht die einfachste. "Interreligiös oder interkulturell wird's schwierig. Pluralität ist schwierig." Darum sei eine profunde Ausbildung der Ethiklehrenden nötig.

Die Regierung nimmt einen neuen Anlauf. "Vor dem Sommer" soll laut Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) eine parlamentarische Enquete die Einführung eines Pflichtfachs Ethik diskutieren: "Es kann aber sicher nicht Ersatz für Religionsunterricht sein. Wenn, dann ist Ethik für alle Schüler zusätzlich zum Religionunterricht umzusetzen." (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 5. Feber 2009)

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