Demontage eines Unbequemen

4. Februar 2009, 18:51
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Das Grüne Projekt verkommt zur Reproduktionsstätte von "Gremienfreaks"

Das Wesen einer Partei besteht im hartnäckigen Festklammern an einem gemeinsamen Nenner, am erbärmlichen Durchschnitt. Daher gelingt dem Funktionärsvolk niemals ein großer Wurf, jederzeit aber der Hinauswurf von Personen, die sich der Vereidigung auf dummen Durchschnitt versagen, Unabhängigkeit demonstrieren, falsche Einigkeit verweigern und das öde Parteigemurmel mit Sprachgewalt durchbrechen. Die sagen, was sie denken, weil sie noch denken.

Voggenhubers Demontage ist Folge seiner unbarmherzigen Unabhängigkeit. Ob der genaue Ablauf seiner Entfernung als ordinäre Intrige gelesen wird oder als weibliches Strickmuster der Vergeltung wegen unentwegter Einmischung von Brüssel, also von außen und vom "Ausländer" Voggenhuber, ist bedeutungslos. Wichtig ist die Erkenntnis, das das "Grüne Projekt" längst keine Alternative zu den übrigen Parlamentsparteien mehr darstellt. Wer, wie Voggenhuber, sich nur seinem Kopf verpflichtet fühlt, nicht von geeinten grünen Kräften für ein großes grünes Nichts träumt, hat zu gehen, ist gegangen. - Sein Abmarsch gereicht ihm zur Ehre. Die hinterbliebenen Grünäugigen eint der Hinauswurferfolg. Aus.

Peter Pilz, auch er noch mit Resten von Unabhängigkeit und Denkvermögen behaftet, hat sich für den Abtrünnigen aus Brüssel eingesetzt, für ihn argumentiert. Auch er ist in den dichten, wenn auch dürftigen grünen Reihen eher geduldet als geliebt, hat bisher nur überlebt, weil der Vorsitzende Van der Bellen zu ihm hielt. Der packte im konkreten Fall, der Bestrafung Voggenhubers durch Entfernung, seine alte Glanznummer aus: das große Schweigen.

Für Pilz und Voggenhuber gilt, dass sie für die Mehrheit der Parteisitzer ein Ärgernis darstellen, weil sie Sprache besitzen und keinen Parteisprech abspulen. Vielleicht dürfte man das auch noch von Terezija Stoisits, der Ausländerfreundin, von Andreas Wabel, dem unberechenbaren Grünschädel, sagen. Selbstverständlich waren auch Walter Geyer und Freda Meissner-Blau nicht für aufgeregtes Geschnatter zu allem und jedem zu haben. Auffallend, dass sie alle schon abmarschiert sind oder, wie Peter Pilz, sich permanent abmarschbereit halten müssen.

Die abgetretenen Charakterköpfe wurden durch hochbegabte Angepasste ersetzt, die keiner kennt. So geht es munter bergab, mit dem grünen Projekt. Ich weiß, keine Partei ist eine Alternative zu einer anderen Partei. Alle haben den gleich abschließenden und ausschließenden Charakter. Alle Gewählten denken hartnäckig und stramm an den Wählern vorbei. Personelle Erneuerung erfolgt ausschließlich im engen Dunstkreis. Das ist so bei den Roten, den Schwarzen, den Grünen und den schrecklichen Blauen. Politische Erneuerung aber gelingt nur jenseits von Parteigehorsam, einengenden Statuten und öden Parteitagen. In Parteigremien werden Gremienfreaks mit großer Lust auf tatenloses Absitzen gezüchtet, unterbrochen von Abstimmungen, die der herrschenden Mehrheit ein gemütliches fortgesetztes Nichtstun garantiert. Fein sein, beinanderbleiben ...
Das ist das grüne Projekt 2009. Der Hinauswurf Voggenhubers musste erfolgen. Ungefährdet verbleibt der große Rest, sitzen die Folgsamen im Grünen Club ihr langweiliges Leben ab. (Werner Vogt/DER STANDARD-Printausgabe, 5. Feber 2009)

*Werner Vogt, Chirurg und Publizist, war 2002 Mitinitiator des Sozialstaats-Volksbegehrens.

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