"Glaubensgemeinschaft muss sich öffnen"

4. Februar 2009, 19:05
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Wiens Integrations-Stadträtin Sandra Frauenberger: "Wir brauchen eine Wertediskussion, welche Einwanderung wir wollen"

Ein eigenes Ferienprogramm soll Kindern Alternativen zur Moschee bieten - Von Petra Stuiber

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Wien - Die Sache mit dem Religionsbuch liege ihr "im Magen", sagt Wiens Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger. Das Buch für den islamischen Religionsunterricht mit der Darstellung eines "Märtyrers" mit Maschinengewehr, das von Anas Schakfeh, dem Chef der Islamischen Glaubensgemeinschaft, persönlich bearbeitet wurde, sei „indiskutabel", meint die SPÖ-Politikerin. Die gesamte Affäre zeige deutlich, dass "die Glaubensgemeinschaft überfällig für eine Neuausrichtung" sei.

Stärkung muslimischer Frauen

Die IGGiÖ müsse sich öffnen und "deutlich mehr tun in Sachen Kommunikation, Bildung und vor allem Stärkung muslimischer Frauen", sagt Frauenberger. Die auch für Frauenfragen zuständige Politikerin kritisiert, die Glaubensgemeinschaft agiere äußerst zurückhaltend, wenn es um Themen wie Chancengleichheit für Frauen oder Kampf gegen Zwangsverheiratungen von Mädchen gehe.

"Raues Integrationsklima"

Allerdings verlaufe die gesamte Debatte um das Demokratieverständnis von Islam-Lehrern unglücklich: "Wir gleiten immer sehr schnell ab von einer Integrations- in eine Religionsdebatte." Zwar dürfe man religiöse Lehren als mögliche Integrationshemmnisse "nicht unterschätzen", aber: "Das Problem liegt tiefer. Es herrscht ein raues Klima für Integration."

"Keine positive Energie"

Namentlich Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) schaffe mit ihren Fremdenrechtsplänen "keine positive Energie": Wenn Fekter etwa vorhabe, nur mehr Ausländern die "Rot-Weiß-Rot-Card" zu gewähren, die bereits Deutsch sprechen, ignoriere sie die Realität. Und wenn sie bei Asyl-Altverfahren weiter den Weg der "Gnadenakte" gehen wolle, dann sei das "unsachlich". Frauenberger: "Wir brauchen eine grundsätzliche Wertediskussion darüber, welche Einwanderung wir wollen."

Integrationsbegleitung für Neuankömmlinge

Für Wien soll darüber die Zuwanderungskommission debattieren, die noch im Februar konstituiert wird. Mit "Start Wien" gibt es seit Oktober eine Integrationsbegleitung für Neuankömmlinge mit Niederlassungsbewilligung - inklusive Gutscheinheft für Deutschkurse in Höhe von 300 Euro.

Betreuungsangebote nach der Schule fehlen

Den wachsenden Einfluss der Religion auf junge Muslime wird die Zuwanderungskommission nicht ignorieren dürfen. Experten warnen seit längerem davor, dass speziell für Migrantenkinder spezifische Betreuungsangebote, vor allem nach der Schule, fehlen.

Leben in zwei Welten

Einer Studie der Sozialwissenschafterin Hilde Weiss zufolge ("Leben in zwei Welten", Universität Wien) bezeichnen sich etwa männliche Jugendliche, die aus der Türkei stammen, zu 56 Prozent selbst als "sehr religiös" - sie besuchen mehrmals wöchentlich die Moschee, doppelt so oft wie gleichaltrige türkischstämmige Mädchen, und relativ unabhängig von ihrem Bildungsgrad. Das wiederum hat, wie die Studie belegt, mittelbaren Einfluss auf die dritte Generation der Migranten, was deren Einstellungen zu Traditionalismus und konservativen Lebensformen betrifft.

Mädchen dürfen oft nicht mitmachen

Migranten-Eltern wissen ihre Kinder zudem lieber in religiösen Einrichtungen betreut als in Horten - oder womöglich gar nicht. Die Ferien sind diesbezüglich eine besondere Herausforderung: Beim "Wiener Ferienspiel" dürfen Mädchen aus muslimischen Familien oft nicht mitmachen, weil die Unterhaltungsangebote vielen Eltern als "zu freizügig" erscheinen.

Ferien-Alternative zur Moschee


Ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma ist ein eigens auf Migrantenkinder abgestimmtes Angebot für die Ferien, das Frauenberger gerade entwickeln lässt. "Sprich Sport" soll gratis sportliche Sommeraktivitäten als Alternative zur Moschee ermöglichen - und gleichzeitig einen weiterführenden Deutschkurs beinhalten. (Petra Stuiber, DER STANDARD Printausgabe 5.2.2009

  • Frauenberger zur Religionsfrage: "Eine Neuausrichtung ist überfällig." Vor allem für Musliminnen müsse mehr getan werden
    foto: standard/ andy urban

    Frauenberger zur Religionsfrage: "Eine Neuausrichtung ist überfällig." Vor allem für Musliminnen müsse mehr getan werden

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