Der Sexismus des kleinen Mannes

5. Februar 2009, 12:18
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Macho-Tölpel allesamt?

Irgendwie schwingt in der Voggenhuber-Affäre immer das Geschlechterthema mit. Dass wohl kaum einer (älteren) Frau passiert wäre, was Herrn Voggenhuber passiert ist, und dass es um die Position der Frauen an der Spitze der EU-Wahlliste geht, wollen auch eingefleischte Grüne (Frauen) nicht ausschließen. Und wenn das so ist, dann handelt es sich um eine Benachteiligung von Männern. Aber muss das schon "sexistisch" sein, wie er klagt, oder ist das nicht dieselbe schwache Argumentation wie die mancher Frauen, für die alles, was gegen Frauen spricht, schon "sexistisch" ist?

Hinter gar nicht sehr vorgehaltener Hand wurde da etwa von den "alten Parteimännern" (wie Pilz, Chorherr, Schwaighofer, Voggenhuber u. a.) schwadroniert, die nicht akzeptierten, dass ihre Zeit abgelaufen sei (wobei Frau Lunacek übrigens kaum jünger ist ...). Also: Das Bild der depotenzierten alten Herren, die es nicht aushalten, dass die nächste Generation - geschweige denn eine Frau - an die Macht kommt; die deshalb infantil-wehleidig daran festhalten wollen oder entsprechend herummotzen. Ich wage kaum mir vorzustellen, dieses Bild zu "gendern", es umzudrehen und auf ein Frauenklischee anzuwenden ... der Aufschrei wäre wohl programmiert.

Die angeblich alten Herren (man beachte auch die Diskriminierung schon des mittleren Alters!) werden dagegen locker des Sexismus bezichtigt, weil sie etwa weibliche Parteifunktionäre nicht hinreichend "schätzen" würden. So begründet etwa Therezija Stoisits ihren Sexismus-Vorwurf an Voggenhuber: "Er ist keiner, der vielen Frauen gegenüber eine große Wertschätzung entgegenbringt" (der Standard 3. 2.). Würde man umgekehrt die Wertschätzung vieler Frauen für Männer prüfen, wären wohl sehr viele (auch grüne) Frauen nicht minder "sexistisch" - also was soll dieser Unsinn?

Politamazone

Wie wertschätzend ist etwa jene Aussage der Ex-Grünen Monika Langthaler: "Die Machos wie Voggenhuber und Pilz halten nicht aus, dass eine Frau Chefin wird"? Man stelle sich das Gegenstück vor: ein grüner Ex-Politiker würde eine grüne Spitzenpolitikerin heute als "Politamazone", "Emanze" oder gar "Tussi" bezeichnen und ihr irgendwelche wehleidigen weiblichen Befindlichkeiten unterstellen - Skandal! Frau aber darf das. Man braucht als Kontrastprogramm dazu nur einmal die einschlägigen Alice-Schwarzer-Sprüche aus den letzten Emma-Jahrzehnten analysieren, um draufzukommen, wie viel pauschalierende Männerverachtung in ihnen steckt - etwas, was umgekehrt kein ernstzunehmender Mann in den letzten Jahrzehnten schreiben hätte können, ohne am Schandpfahl öffentlicher Kritik zu verenden.

Wenn schon Einwendungen gegen weibliche Führungskräfte oder "Nichtwertschätzung" der Arbeit bestimmter Frauen dazu führt, als "Sexist" gebrandmarkt zu werden, führt das zur Inflationierung des Begriffs, immunisiert gegen jede Kritik von Angehörigen des anderen Geschlechts und bringt deshalb schlicht gar nichts.

Wenn die Grünen nach den letzten Wahlgängen beklagten, dass sie offenbar ihre Botschaften nicht an den (kleinen) Mann - pardon: die (kleine?) Frau - bringen, dann müssten sie sich langsam auch einmal fragen, wie es mit ihrem Verrhältnis zum Geschlechterverhältnis aussieht. Hier wird meines Erachtens eine Einseitigkeit demonstriert, die zwar "political correct" sein mag - aber der Sache selbst mehr schadet als nützt und sich daher langsam eine verbale Verschrottungsprämie verdient hätte.

Macho-Tölpel allesamt?


Wenn jemand schon die eigenen männlichen Parteikollegen öffentlich als "Machos" diskreditiert, die "frau" selbst mit gewählt hat, mit denen "frau" oft über Jahre zusammengearbeitet und dies wohl auch in gewisser Weise geschlechtergerecht ausgehandelt hat, was hält der/die dann erst vom berühmten "kleinen Mann" "draußen" im Wählervolk? Allesamt tumbe, bourgeoise Sexisten, wie sie im Buche stehen?

Eine Partei, die sich zum Ziel gesetzt hat, das herrschende Geschlechterverhältnis in Richtung mehr Gerechtigkeit und Egalität zu verändern, darf sich nicht (mehr) einseitig auf Frauenanliegen beziehen und Männer (sogar eigene Parteigenossen) teilweise wie unterbelichtete Macho-Tölpel behandeln.

Ansonsten darf es auch nicht verwundern, was wir in diesen Tagen an frauenfeindlichen Postings auf diversen Internetseiten zu lesen bekommen. Sind da nur "einfach Macho-Schweine" am Werk bzw. am Wort oder (kleine?) Männer und Wähler, die es von einer besseren Variante des Geschlechterverhältnisses zu überzeugen gälte?

Mit Aktionen und Äußerungen wie in den letzten Tagen wird das allerdings schwer zu schaffen sein. (Josef C. Aigner, DER STANDARD-Printausgabe, 5. Feber 2009)

Josef C. Aigner, Erziehungswissenschafter und Psychoanalytiker, lehrt an der Uni Innsbruck.

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