"Wir sind komplett belogen worden"

4. Februar 2009, 17:27
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US-Soldat Andre Shepherd stellt Asylantrag in Deutschland, weil er nicht mehr in den Irak will

Berlin -  Das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat am Mittwoch den desertierten US-Soldaten Andre Shepherd zu seinem Antrag auf politisches Asyl befragt. Die mündliche Anhörung habe in einer Außenstelle des Amtes in Karlsruhe stattgefunden, sagte ein Sprecher des deutschen Innenministeriums, dem das Migrationsamt untersteht. Die Aussagen Shepherds würden nun "gründlich geprüft". Über Dauer und Inhalt der Anhörung machte der Sprecher keine Angaben.

Shepherd stammt aus Cleveland in Ohio und gehörte zur 12. Kampfflugbrigade des US-Heeres, die am Standort Katterbach im mittelfränkischen Ansbach stationiert ist. Sechs Monate lang war er in Tikrit gewesen und hatte die Apache-Kampfhubschrauber gewartet. Im April 2007 setzte er sich ab, weil er nicht noch einmal in einen Krieg ziehen wollte, den er für rechtswidrig hält. "Wir sind komplett belogen worden", sagt der 31-Jährige über sich und seine Kameraden.

2008 desertierten in Europa 71 US-Soldaten

71 in Europa stationierte Soldaten der US-Army sind 2008 desertiert. Der Mechaniker ist, soweit man weiß, der erste, der in Deutschland um Asyl ansucht. Ein Erfolg könnte anderen Kriegsgegnern einen Ausweg eröffnen, glauben seine Unterstützer. Wird sein Antrag aber abgelehnt, muss er damit rechnen, den Militärbehörden übergeben oder in die USA abgeschoben zu werden. Dann drohen ein Verfahren und eine Gefängnisstrafe. "Da wir in unbekannten Gewässern sind und der Gegner die Vereinigten Staaten von Amerika, kann alles passieren", meint Shepherd.

Seinen Asylwunsch begründet er damit, dass Deutschland nach der US-Invasion 2003 eine Beteiligung am Irak-Krieg abgelehnt hat. Und er verweist auf eine EU-Richtlinie: Demnach stünde Soldaten der Flüchtlingsstatus zu, denen Bestrafung droht, weil sie sich weigern, an Kriegsverbrechen oder einem völkerrechtswidrigen Krieg teilzunehmen.

Diese Richtlinie gilt auch in Deutschland seit 2007, wie die Sprecherin des Bundesamts, Claudia Möbus, bestätigt. Sie äußerte sich nicht dazu, ob sie in Shepherds Fall anzuwenden ist. Der Antrag werde nun zunächst geprüft werden. Insgesamt 22.085 Asylanträge wurden vergangenen Jahr in Deutschland gestellt. Wie viele davon von US-Bürgern stammen, sagte Möbus nicht.

Haftstrafe möglich

Für den Sprecher des US-Heeres in Europa, Bruce Anderson, ist Shepherd der erste bekannte Fall eines Asylantrags in Deutschland. Die Army habe die deutschen Behörden unterrichtet, dass er sich unerlaubt von der Truppe entfernt habe. Deserteure würden aber nicht aktiv verfolgt. Bei Überstellung an die US-Behörden würde Shepherd wie jeder andere Deserteur den Gesetzen und Vorschriften entsprechend behandelt, er könnte angeklagt und zu einer Haftstrafe verurteilt werden.

Nachdem er 2007 von der Fahne gegangen war, hatte Shepherd zunächst bei Freunden und Unterstützern in Süddeutschland Unterschlupf gefunden. In jüngster Zeit übernachtete er in einer Flüchtlingsunterkunft in Karlsruhe. Das "Military Counseling Network", das Kriegsdienstverweigerer berät, unterstützt ihn bei den Anwaltskosten. Tim Hubert, der Leiter der Beratungsstelle, hat nach eigenen Angaben Anrufe auch von anderen US-Militärangehörigen bekommen. Shepherd sei aber der erste, der förmlich Asyl beantragt habe.  (APA/AP)

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    Andre Shepherd will nicht mehr in den Irak

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