"Ich wollte einen Helden ohne Privatraum"

4. Februar 2009, 17:23
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Mit "The International", dem Eröffnungsfilm der Berlinale, unterzieht Tom Tykwer den Paranoia-Thriller der 70er-Jahre einer Revision

Bert Rebhandl traf den deutschen Filmemacher zum Gespräch.

Standard
: Tom Tykwer, wer ist eigentlich Eric Warren Singer, der Drehbuchautor von "The International"? Ein Pseudonym für Sie?

Tykwer: Nein, das ist ein amerikanischer Autor, den ich vor fünf Jahren traf. Er hatte damals ein Drehbuch unter dem Arm, in dem ein belgischer Cop gegen eine Bank kämpft, die es wirklich gab - in den 70er-Jahren gab es den ersten Bankenskandal über eine krass mafiöse Privatbank. Das Drehbuch hatte ein außerordentliches Niveau in den Dialogen. Die Menschen sprechen Sätze, die dem Umgangssprachlichen fast immer entkommen. Bei mir selber wird es tendenziell immer eher umgangssprachlicher.

Standard: "The International" schließt sehr deutlich an Filme der 70er-Jahre an, an die internationalen Thriller dieser Jahre. Das war schon im Drehbuch so?

Tykwer: Das Drehbuch war sogar eine relativ hemmungslose Hommage an die 70er. Ähnlich wie "Zodiac" von David Fincher. Ich fand die Grundidee extrem reizvoll, sich an das Genre der Paranoia-Thriller anzulehnen. Mir war aber am allerwichtigsten, die Geschichte in die Gegenwart zu verlegen. Die Paranoia-Thriller haben ja vor 30 Jahren auf eine generelle Verunsicherung reagiert, auf die Vision eines Systems, das jenseits unseres Einflusses operiert. Diese Macht wurde damals den Geheimdiensten zugeschrieben. Heute ist diese Macht die "global economy" .

Standard: Rosi und Pakula stehen für zwei unterschiedliche Modelle. Der italienische Politthriller sieht dem Verbrechen entlarvend bei der Arbeit zu, der US-Paranoia-Thriller will das System gerade als unlesbares in den Blick bekommen. "The International" schlägt sich eher auf die Seite von Rosi. Warum?

Tykwer: Ist das so? Ich hatte gehofft, dass der Film ein Hybrid wird, dass er also beides enthält.

Standard: Vielleicht lässt sich diese Frage anhand der zentralen Figur von Louis Salinger beantworten ...

Tykwer: Nun, ein klassischer Topos ist der des "weathered cops" , eines Mannes, der schon eine Menge erlebt hat. Figuren, wie sie von Lino Ventura gespielt wurden oder von Gene Hackmann in The Conversation. Es ging mir darum, einen Helden zu zeigen ohne seinen Privatraum, ohne persönliche Geschichte. Das ist eine unpopuläre Entscheidung. Bei Studiofilmen fragen immer alle sofort: Was ist seine "back story" ? Entkräften wir, wenn eine solche fehlt, nicht die Persönlichkeitssubstanz einer Figur? Ich glaube, wir stärken sie, mythologisch gesehen, weil wir sie an die Sache binden. Mit Salinger haben wir einen getriebenen Moralisten, der nicht damit klarkommt, dass sein Umfeld seine Haltung als überholt empfindet.

Standard: Ist Armin Mueller-Stahl die komplementäre Figur - ein Ex-Stasi-Agent, der sich für das Verbrechen instrumentalisieren lässt?

Tykwer: Er ist ein Reflektor für Salinger. Über diesen Mann erfahren wir auch eine Menge, fast mehr als über Salinger. Als ginge es darum, zu zeigen, wie ein Menschen komplett die Seite wechseln und sich doch selber treu bleiben kann.

Standard: Für eine Liebesgeschichte ist in "The International" nur auf eine vermittelte Weise Platz - eine einzige Geste zwischen Naomi Watts und Clive Owen genügt.

Tykwer: So war es gemeint. Die ganze unerfüllte Geschichte zwischen ihnen sollte sich in einer Geste ausdrückt. Der dahinterstehende Aspekt ist: Da haben wir eine Figur, die auf einem ähnlichen Plateau steht wie Salinger, die aber mit ihrem ganzen Leben gezeigt wird. Da gibt es einen Kontext, der ist stabil, nicht krisös. Insofern ist da auch nicht wirklich was zu erwarten. Das mag Hoffnungen enttäuschen, denn Clive Owen und Naomi Watts bilden ein Paar, wie man sich kaum ein besseres vorstellen kann. Die Realität ist aber natürlich, wenn man einmal in den Vierzigern ist, dass bei einer Begegnung fast immer einer nicht verfügbar ist. Das sollte der Film aber nicht auswalzen, denn er ist nun einmal ein Er. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.2.2009)

  • Moralist mit Durchsetzungskraft: Louis Salinger (Clive Owen), Held von Tom Tykwers "The International", schießt sich durch das New Yorker Guggenheim-Museum.
 
 
    foto: sony

    Moralist mit Durchsetzungskraft: Louis Salinger (Clive Owen), Held von Tom Tykwers "The International", schießt sich durch das New Yorker Guggenheim-Museum.

     

     

  • Mit Stars in Berlin: Regisseur Tom Tykwer.  
Zur Person:Tom Tykwer (43) drehte bereits als Jugendlicher Super-8-Filme. Er leitete ein Kino, wechselte zur Regie und landete mit "Lola rennt"  einen internationalen Erfolg. Zuletzt verfilmte er Patrick Süskinds Bestseller "Das Parfum".
 
 
    foto: sony

    Mit Stars in Berlin: Regisseur Tom Tykwer.

    Zur Person:
    Tom Tykwer (43) drehte bereits als Jugendlicher Super-8-Filme. Er leitete ein Kino, wechselte zur Regie und landete mit "Lola rennt" einen internationalen Erfolg. Zuletzt verfilmte er Patrick Süskinds Bestseller "Das Parfum".

     

     

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