Kirchenrechtler: Bestrafung von Holocaust-Leugnern "nicht Aufgabe des Vatikans"

4. Februar 2009, 15:27
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Antisemitismusforscher Wolfgang Benz: "Der Papst ist mit Sicherheit zu leise"

Hamburg/Münster  - Die Bestrafung von Leugnern des Holocausts ist nach der Ansicht des Kirchenrechtlers Klaus Lüdicke aus Münster nicht Aufgabe des Vatikans. "Die Kirche würde damit wieder in den weltlichen Bereich hinübergreifen, der sie nichts angeht", sagte Lüdicke am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der Tübinger Theologieprofessor Michael Theobald hatte zuvor in der "Passauer Neuen Presse" gefordert, dass die Leugnung des Holocausts als Tatbestand ins Kirchenrecht aufgenommen werde.

"Das wäre eine Kompetenzüberschreitung, von der wir uns vor 40 Jahren verabschiedet haben, als die Bücherzensur aufgehoben wurde", entgegnete Lüdicke. Seitdem mache die Kirche den Katholiken keine Vorschriften über ihre weltlichen Auffassungen mehr.

Es falle stattdessen den einzelnen Staaten zu, solche "groben und widerlichen Taten" wie die Holocaust-Leugnung als Volksverhetzung zu ahnden. "Es geht um ein weltliches und nicht um ein religiöses Verhalten. Da hat die Kirche ihre Grenzen einzuhalten."

Die vier Bischöfe der traditionalistischen Bruderschaft Pius X. (SSPX), deren Exkommunikation der Papst aufgehoben hatte, hätten zudem keinerlei kirchlichen Ämter inne. Ihre Stellung in der Kirche sei damit nicht höherrangig als die eines gewöhnlichen katholischen Bürgers. "Deshalb sind ihre Äußerungen im Grunde kein Problem der Kirchendisziplin", sagte Lüdicke.

Papst Benedikt XVI. hatte am 24. Jänner die Rücknahme der Exkommunizierung der vier traditionalistischen Bischöfe bekanntgegeben. Dazu gehört auch der Brite Richard Williamson, der die Ermordung von sechs Millionen Juden in den Gaskammern der Nazis in einem Interview mit dem schwedischen Fernsehen bestritten hatte. Die Entscheidung hatte weltweit Proteststürme ausgelöst.

Wolfgang Benz: "Der Papst ist mit Sicherheit zu leise"

Der deutsche Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hat Papst Benedikt XVI. vorgeworfen, seine Haltung zur Holocaust-Leugnung sei nicht klar genug. "Der Papst ist mit Sicherheit zu leise und positioniert sich nicht deutlich genug", sagte der Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität am Mittwoch dem Radiosender MDR FIGARO (Halle). Das beunruhige auch sehr viele deutsche Katholiken. Das Delikt Holocaustleugnung sei in Deutschland strafbar, darauf habe Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ganz unübersehbar aufmerksam gemacht.

Nach Ansicht von Benz besteht die Gefahr, dass Antisemiten und Neonazis die Situation ausnutzen. Abgefeimt wie Neonazis seien, "ist ihnen jede Gelegenheit recht, sich ihre provokativen Zweifel sozusagen absegnen zu lassen", sagte er dem Sender weiter. Die katholische Kirche müsse sich dann den Vorwurf machen lassen, dass sie nicht mit genügender Klarheit und Entschiedenheit hier einen Riegel vorgeschoben habe. (APA/dpa)

 

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