Sie will doch nur spielen

4. Februar 2009, 18:31
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Aber künftig nur noch im Internet: Das "Playgirl" geht nicht mehr in Druck. Eine Rezension und ein Nachruf auf ein Magazin, das kein Duplikat des "Playboys" für Frauen war

Es ist verdammt schwer, es in Wien in die Finger zu kriegen. Trafiken führen es nicht mehr. Gut bestückte Händler wie Press & More und Morawa, wo man jede Menge an internationalen Zeitschriften bekommt, haben es aus dem Sortiment genommen. Der Österreich-Vertrieb ist mittlerweile gänzlich eingestellt. Grund: Die Nachfrage war zu gering.

Derweil ist das "Playgirl" mittlerweile eine Institution. Oder besser gesagt: war. Denn das Erotikmagazin für Frauen geht künftig nicht mehr in Druck. Der Spielplatz verlagert sich ganz ins Internet. Die Magazin-Frauen müssen Online-RedakteurInnen weichen.

Gesucht: Weibliche Leserschaft

Seit 35 Jahren wurde es als Gegenstück zu renommierten Männermagazinen wie "Playboy" oder "Penthouse" in New York verlegt. Mit der Zeit haben die Macherinnen so einiges ausprobiert (wie zum Beispiel ein ganzes Jahr ausschließlich bekleidete Models gebracht oder erigierte Penisse ausgespart),  und sie schrecken nicht davor zurück, sich als feministischer Außenposten im Medienangebot zwischen "Vogue" und "Cosmopolitan" zu bezeichnen. Im Gegensatz zu diesen weit erfolgreicheren Produkten bietet das "Playgirl" keinen Lifestyle, keine (weiblichen) Körperbilder abseits des eigenen Spiegelbildes, keine gefühlten 10 Millionen Seiten voller (Mode)Trends und Tipps. Vielleicht hat ihnen das das Genick gebrochen, zumindest bei der eigentlichen Zielgruppe: den Frauen. Schon vor geraumer Zeit haben die MacherInnen zugegeben, dass das Heft mehrheitlich von schwulen Männern gelesen wird.

Eine Frage des Anspruchs

Das mag am kruden Charme des Erotikmagazins liegen. Eine Erklärung, die eine Frau bestätigen kann, die es wissen muss: "Für Frauen ist es besonders wichtig, dass die Ästhetik stimmt". Ingrid Mack führt neben dem "Condomi", dem legendären Fachgeschäft für Gummis, seit fünf Jahren auch das "Liebens-Wert". Das "Playgirl" hat sie nie im Sortiment gehabt: Im Gegensatz zu Männern würden sich die meisten Frauen nicht an nackten Tatsachen hochziehen, wenn das Umfeld und Ambiente des Shootings nicht stimmt. In der Erotik-Boutique für Frauen mit gehobenem Anspruch gibt es dafür zum Beispiel das "Feigenblatt", eine erotische Monatspublikation für Sie wie Ihn. Subtiler, essayistisch, Fotografie auf gehobenem Niveau, gediegen, nicht frisch und frech. Das Magazin verkauft sich zwischen Lingerie, Dildos und Vibratoren in allen möglichen Ausformungen und Materialien, Fachliteratur und anderen Helferlein für die "weibliche Lebensart" gut, sagt Mack.

"Bravo" statt "Playboy"

Und diese Lebensart schließt ein Leichtgewicht wie das "Playgirl" anscheinend aus. Hochglanz - weit gefehlt. High-Fashion-Aufmachung, nur ohne die Fashion - wieder daneben. Auf Anspruch und Exklusivität getrimmt - gar nicht! Das "Playgirl" ist kein "Playboy" für Frauen. Eher ein "Bravo" ohne L(i)ebenshilfen drin, nur dass das Papier noch dünner ist und weniger schimmert. "Niederschwellig" trifft es - und sympathisch auf eine unmittelbare Art und Weise.

Marktlücke

Die aktuelle Ausgabe bestärkt diese Sympathie noch, ist sie doch bald Memorabilie. dieStandard.at hat das letzte Exemplar der US-Jänner-Ausgabe doch noch im Beate-Uhse-Shop in die Finger bekommen - so schwer wird das "Playgirl" dann also doch nicht an die Frau (den Mann) gebracht, wenn nur mehr ein Stück zu bekommen war! In Deutschland hätte das "Playgirl" ebenfalls guten Absatz gefunden, sagt der freundliche Verkäufer im Shop. Erotikmagazine, die sich explizit an Frauen wenden, seien eine echte Marktlücke, meint er. Und nachdem das Playgirl nun auch verschwindet, klafft die Lücke noch größer.

Themen abgearbeitet

Was uns da künftig fehlen wird: Neben Seiten über Seiten voll gut gebauter nackter Männer Beiträge wie "Pleasure Protectors", in dem die Hintergründe einer Organisation, die sich um operative Hilfen für genitalverstümmelte Frauen kümmert, beleuchtet werden. Nicht vergessen wird auf die westliche, auf angenommener Freiwilligkeit basierende, Praxis der "Vaginalverjüngung". Oder auf einen Abriss über die analen Freuden, die Sie Ihm spenden kann: "Straight Men Who Like It in the Ass? Believe It". Oder "Second Coming",  eine Reportage über Sex im Online-Game "Second Life". Das Magazin hat es in den Jahren nicht verabsäumt, Themen wie Abtreibung, Vergewaltigung, Frauenkarrieren im Männerumfeld, schlicht: komplexe gesellschaftspolitische Belange speziell für Frauen aufzugreifen.

Schwuler Markt

Inhaltlich werden der überwiegend schwulen Leserschaft also keine Zugeständnisse gemacht. Und auch die Fotos zeigen nackte posierende Männer, keine Man-Man-Action wie in Schwulen-Mags. Dafür bringt das Playgirl Man-Woman-Fotostories. Explizit, aber ohne Akt. Dass das Magazin mittlerweile doch den Männer-Markt bedient, lässt sich anhand der Anzeigenverkäufe ablesen: Was hätte eine Sex-Toy-Werbung für Ihn sonst gleich auf Seite zwei zu suchen, gefolgt von einer für eine Gay-Community-Plattform? Da geht die Authentizität des "Entertainment for Women", wie es am Magazincover heißt, flöten.

Sie will spielen - wer noch?

Und ob beim "Playgirl" online überhaupt noch eine mitspielen will, ist fraglich. In den 35 Jahren zuvor haben die potenziellen Leserinnen ja auch lieber woanders gespielt. (bto/dieStandard.at, 5.2.2009)

  • 35 Jahre alt und schon ausgespielt: das Playgirl. Mit dem aktuellen und gleichzeitig letzten Heft legt man sich noch einmal ins Zeug und bietet neben einem "Best Of"-Models-Feature auch einen Männer-Kalender. (Foto: dieStandard.at/Cover des Playgirls)
    foto: diestandard.at/tombor

    35 Jahre alt und schon ausgespielt: das Playgirl. Mit dem aktuellen und gleichzeitig letzten Heft legt man sich noch einmal ins Zeug und bietet neben einem "Best Of"-Models-Feature auch einen Männer-Kalender. (Foto: dieStandard.at/Cover des Playgirls)

  • Inhaltlich ging das "Playgirl" immer ans Eingemachte: Weibliche Belange wurden im gesellschaftspolitischen Kontext ebenso besprochen wie Intimitäten offen gelegt. (Foto: dieStandard.at/Bericht über FGM im Playgirl)
    foto: diestandard.at/tombor

    Inhaltlich ging das "Playgirl" immer ans Eingemachte: Weibliche Belange wurden im gesellschaftspolitischen Kontext ebenso besprochen wie Intimitäten offen gelegt. (Foto: dieStandard.at/Bericht über FGM im Playgirl)

  • So schaut die Zukunft aus: Online und knackig in American-Apparel-Unterhosen. (Foto: dieStandard.at/Anzeige im Playgirl)
    foto: diestandard.at/tombor

    So schaut die Zukunft aus: Online und knackig in American-Apparel-Unterhosen. (Foto: dieStandard.at/Anzeige im Playgirl)

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