"Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"

4. Februar 2009, 10:46
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Nojoud Ali hat sich im Jemen als Zehnjährige von ihrem Mann scheiden lassen und darüber mithilfe der Journalistin Delphine Menoui ein Buch geschrieben

"Sie ist die jüngste Geschiedene der Welt", hörte die etwa zehnjährige Nojoud Ali, als sie im April 2008 das Gericht in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, verließ. Und damit ist Nojoud Ali ein Mädchen, das viel zu erzählen hat, weshalb sie mithilfe der Journalistin Delphine Minoui ein Buch über ihre zweimonatige Zwangsehe und die darauffolgende Scheidung verfasst hat. Eine deutsche Ausgabe erscheint unter dem Titel "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" im Verlag Knaur noch im Februar 2009. Zur Präsentation der französischen Ausgabe kam das jemenitische Mädchen nach Paris, wo DER STANDARD sie traf. Das zirka 1,20 Meter kleine, zierliche Mädchen mit den dichten schwarzen Haaren erschien zum Interview-Termin unverschleiert.

Nojoud besuchte vor der Heirat nur ein Jahr lang eine Klasse mit 40 bis 50 Schülerinnen. Ihr Traum ist jetzt, die Schule zu beenden und Rechtsanwältin zu werden: "Ich möchte in Paris studieren", sagt sie mit selbstbewusstem Lächeln. Sie lächelt viel - ernst wird sie nur, wenn man die heute Zehnjährige zu ihrer Vergangenheit befragt.

"Ikone der jemenitischen Frauenrechte"

Zum Beispielcharakter ihres Handelns und der daraus resultierenden Gefahr für ihre Zukunft versichert Nojoud: "Es ist meine Geschichte. Ich bin sehr mutig." Die vom Verlag Michel Lafon organisierte Interview-Serie bezeichnet Nojoud schlichtweg als "störend". Denn das kleine Mädchen wäre lieber am letzten Pariser Tag in "Eurodisney" geblieben, statt nochmals als "Ikone der jemenitischen Frauenrechte" vor JournalistInnen aufzutreten.

Zu dieser wurde sie durch ihre Scheidung: Drei Richter und die feministische Anwältin Shada Nasser halfen der von ihrem 30-jährigen Ehemann sexuell missbrauchten Nojoud nach ihrer Flucht bei dem Scheidungsprozess. Um auf den Symbolcharakter dieses Schicksals hinzuweisen, hatte die Anwältin die jemenitischen Medien sowie internationale Organisationen zum Scheidungsverfahren eingeladen. Das Urteil des engagierten Richters wurde damals mit Überraschung aufgenommen. Nojoud war frei, musste noch umgerechnet 500 Dollar an ihren Mann bezahlen - die sogenannte Khulla, die einem Ehemann nach islamischem Recht zusteht, wenn die Frau die Scheidung einreicht. Spender aus dem Jemen und anderen arabischen Länder brachten das Geld auf.

Nach dem Prozess kehrte Nojoud in ihre Familie in der Umgebung von Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, zu einem arbeitslosen Vater zurück, der mit seinen zwei Frauen insgesamt 21 Kinder zeugte. Einige Jahre vor Nojouds Ehe wurde eine ihrer älteren Schwestern vergewaltigt und musste, um die Ehre der Familie zu retten, ihren Schänder heiraten.

Familie musste Dorf verlassen

Die Familie Ali war gezwungen, das Dorf Khardji im Norden des Landes zu verlassen und in die Hauptstadt Sadaa zu übersiedeln. Der Vater argumentiert heute, dass er Nojoud das Schicksal ihrer älteren Schwester ersparen wollte und sie frühzeitig deswegen einem um 20 Jahre älteren Mann anvertraut hatte.

Obwohl das legale Heiratsalter der jemenitischen Mädchen bei 15 Jahren liegt, schätzt die Leiterin der Abteilung für Frauenstudien an der Universität Sadaa, Husnia al-Kadri, dass mehr als die Hälfte der Mädchen vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet werden. Da es in den Dörfern weder Geburtsurkunden noch Ausweise gibt, ist das effektive Alter der Mädchen in dem von archaischen Strukturen geprägten Land vielerorts unbekannt. 

Die Verheiratungen so junger Mädchen ziehen auch eine hohe Analphabetismus-Rate unter den Frauen nach sich: 70 Prozent der Jemenitinnen können kaum lesen und schreiben. (Olga Grimm-Weissert aus Paris, DER STANDARD, Print, 4.2.2009)

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    Nojoud Ali war im Jemen mit einem rund 20 Jahre älteren Mann verheiratet, der sie missbrauchte. Nun will Nojoud endlich zur Schule gehen.

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