Heiße Lippen im Nebelwald

4. Februar 2009, 16:49
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Katjas dreistündige Wanderung durch den Nationalpark Santa Elena ist ungemütlich. Einheimische würden bei dem Wetter nicht in den Wald gehen

05 Uhr 45 – der Wecker läutet. Ein Blick aus dem Fenster zeigt tiefhängenden Nebel und Regen. Wir sind in Santa Elena, ca. drei Autostunden von San José, der Hauptstadt Costa Ricas, entfernt. Regen und Nebel stehen hier an der Tagesordnung. An Weiterschlafen ist dennoch nicht zu denken, eine frühe Morgenwanderung durch den Nebelwald steht am Programm.

foto: katja fleischmann
David führt uns bei Wind und Regen durch den Nebelwald.

Einige wenige Menschen finden sich kurz vor sieben Uhr am Eingang des Nationalparks ein. Unser Führer David stellt sich vor und enttäuscht im nächsten Atemzug sofort die Erwartungen aller Tierliebhaber: "In Santa Elena werdet ihr keine Tiere sehen. Acht von zehn Tiere sind nachtaktiv und die restlichen verstecken sich sobald es regnet". Heute regnet und windet es besonders stark. Und so machen wir uns bei gerade einmal zwölf Grad und ohne Aussicht auf Tierbegegnungen auf den Weg.

Zwanzig Prozent des Nationalparks sind für Besucher erschlossen. Wir beginnen unsere Wanderung im Sekundärwald, dort wo in den 70er Jahren noch Kühe und Rinder grasten. Langsam stapfen wir bei andauerndem Regen durch den Wald und lauschen den Erklärungen unseres Begleiters. David arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Guide und war auch schon in Nicaragua und Guatemala tätig. Das Besondere am Nebelwald von Santa Elena/Monteverde ist die unglaubliche Diversität. Über 500 Baumarten wachsen gen Himmel und viele Pflanzen sind nur hier heimisch.

foto: katja fleischmann
Bromelias wachsen an den Bäumen ohne an diesen zu schmarotzen.

Vom Sekundärwald, der in den letzten beiden Jahrzehnten gleichmäßig in die Höhe geschossen ist, gelangen wir schließlich in den eigentlichen Urwald. Die Bäume sind hoch, nass und grün. Nur fünfzehn Prozent der Energie entziehen sie dem Boden, den Rest gewinnen sie aus Luftfeuchtigkeit und Sonne. Auch mit Schmarotzern haben sie keine Probleme. Alle Pflanzen, die an den Bäumen wachsen sind Selbsternährer. Lediglich eine Art des Fikus-Baumes macht einigen Urwaldriesen zu schaffen. "Der Fikus schlängelt sich über Jahre hinweg am Stamm eines Baumes hoch und schneidet ihm sprichwörtlich die Luft ab. Der alte Baum stirbt ab und der Fikus nimmt seinen Platz ein", so David.

Angelina Jolies Schmollmund

Auf unserem Weg durch den Nebel sehen wir Riesenfarne, Bromelias und Elefantenblätter. Alles grün in grün. Nur wenige Blüten blühen zu dieser Jahreszeit in anderen Farben. Dann bleibt David stehen und grinst. "Schaut her, ich zeige euch die sexieste Blume des ganzen Urwaldes",sagt er und zeigt auf eine prächtigrote Blüte: "Das sind 'Hot Lips', sie haben die Form voller Lippen. Wir nennen sie auch die 'Lippen der Angelina Jolie'". Wir bewundern den Blütenschmollmund, schmunzeln und ziehen weiter.

foto: katja fleischmann
Hot Lips – heiße Lippen im Nebel.

Der Regen ist unnachgiebig und der Wind wenig schmeichelhaft. So viel wie dieses Jahr hat es schon seit Jahrzehnten nicht mehr geregnet. An Tagen, an denen der Nebel nicht so tief hängt, kann man, laut David, bis zum Vulkan Arenal durchsehen. Vom Arenal ist heute keine Spur, unsere Sicht beschränkt sich auf zwanzig, dreißig Meter. Umso überraschender ist es, als um die Kurve plötzlich ein riesiger Baum den Weg versperrt. "Der Baum muss zwischen letzter Nacht und heute Morgen umgestürzt sein", sagt David "Wir sind wohl die ersten, die an dieser Stelle vorbeikommen". Mein Blick streift durch den Wald. Ein erst kürzlich umgestürzter Baumriese? Ein nicht gerade beruhigendes Gefühl, wenn man mitten im Wald steht.

foto: katja fleischmann
Ein kürzlich umgestürzter Baum versperrt den Weg.

Unser Führer prüft die Lage und sucht nach einem Ausweg. Über den Baum zu Klettern hält er für keine gute Idee, lässt den beiden wagemutigen Holländern jedoch freie Entscheidung. David springt einen Meter tief ins Dickicht, drückt einige Sträucher und Blätter zur Seite und winkt uns schließlich ihm zu folgen. Der Schlamm macht das Ausweichmanöver zu einer rutschigen Angelegenheit, aber kurze Zeit später gelangen wir wieder sicher auf den Wanderweg und lassen den umgestürzten Baum zurück.

foto: katja fleischmann
Ausweichmanöver rund um den entwurzelten Baumriesen.

Es ist Sonntag und die Arbeiter, die morgens den Pfad überprüfen, kommen erst am Montag wieder. Dann werden sie lediglich jenen Teil des Stammes herausschneiden, der den Weg versperrt. "Wir versuchen so wenig wie möglich in den natürlichen Kreislauf des Waldes einzugreifen", erklärt David und versucht dies auch stets seinen Teilnehmern zu vermitteln. Im Nationalpark von Santa Elena werden keine Tiere angelockt oder gefüttert und keine Pflanzen oder Blumen als Souvenirs aus dem Urwald mitgebracht. Das Reservat ist ein ehrgeiziges Dorfprojekt zum Schutz und Erhalt des Nebelwaldes und eine Einnahmequelle für gemeinschaftliche Zwecke. So werden etwa pro Jahr 250 Schulstipendien vergeben. Und überhaupt profitieren acht von zehn Unternehmen im Dorf vom Tourismus. Nach drei Stunden Wanderung bei Regen, Wind und Nebel kommen wir durchnässt wieder am Ausgangsort an. David hofft, dass es uns gefallen hat und entschuldigt sich: "Die Wetterbedingungen waren heute nicht besonders gut, Einheimische würden bei solchen Bedingungen nicht in den Wald gehen". (Katja Fleischmann)

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