Die Begeisterung der Masse: Einmarsch unter donnerndem Applaus

5. Februar 2009, 21:12
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    foto: apa/votava

    Gedränge, viele Begeisterte und einige Neugierige auf dem Wiener Heldenplatz. Diese Bilder, im kollektiven Gedächtnis der ÖsterreicherInnen, sind für die nachkommenden Generationen nur schwierig zu begreifen.

Das Phänomen kollektiver Emotionen analysiert anhand soziologischer Theorien

Jubelnde und winkende Menschen in den Dörfern und Städten, so viele, dass der Wagen Hitlers nur im Schritttempo vorankommt. Kirchenglocken werden geläutet, Hakenkreuzfahnen gehisst und wild geschwenkt. Auch in Wien gibt es Gedränge, viele Begeisterte und einige Neugierige versammeln sich am Ring und am Heldenplatz, strahlen in die Kameras. Die Fassaden der repräsentativen Gebäude sind mit Hakenkreuzfahnen verhüllt. Und immer wieder "Sieg Heil" Rufe, die die Szene begleiten. Diese Bilder, im kollektiven Gedächtnis der ÖsterreicherInnen, sind für die nachkommenden Generationen nur schwierig zu begreifen. Stattdessen macht sich ein mulmiges Gefühl in den Magengruben breit. Daher sind Szenen wie diese der Ausgangspunkt von Thomas Alexander Manns Diplomarbeit "Emotionale Vergemeinschaftungen". Wie kann man solche kollektive Begeisterung jenseits von politischer Richtung und Ideologie erklären?

Politik im Unterhaltungsmodus

Auch weniger dramatische Alltagssituationen wie Wahlkämpfe zeigen die Tendenz zur Emotionalisierung der Politik. Es wird zunehmend auf "Politainment" und das Ansprechen von mehreren Erlebensdimensionen gesetzt. Der Kampf um die Wahrnehmung der WählerInnen erfolgt in einer "Politik mit Wohlfühl-Faktor" über das Ansprechen von Gefühlen und nicht über rationale Argumentation. Aber wieso ist diese Art der Politikvermittlung erfolgreich?
Die vorliegende Diplomarbeit gibt keine letztgültige Antwort auf diese Frage. Verwiesen wird jedoch auf Spannungszustände, die in der Bevölkerung entstehen können, sobald Veränderungen in einer Gesellschaft stattfinden, die diese nicht bewältigen kann oder sich allgemein Unzufriedenheit ausbreitet. Diese emotionalen Spannungszustände werden in (politischen) Massenveranstaltungen weiter aufgebaut und können dort auch ausgelebt werden. Es kommt zum Prozess emotionaler Vergemeinschaftung: Die anwesenden Menschen handeln aufgrund gefühlter Zusammengehörigkeit. Nach außen kann sich eine dauerhafte Vergemeinschaftung über gemeinsame Symbole, Musik, u.v.m. ausdrücken.

Wie verwandelt oder doch hoch konzentriert?

Über das Verhalten von Menschen, die sich in emotionaler Vergemeinschaftung bei Massenveranstaltungen befinden, gibt es widerstreitende Meinungen. Im Zentrum der Diskussion steht die Frage nach der Verantwortung des einzelnen Menschen. Fest steht: jede Person kann selbst entscheiden, ob sie an der Veranstaltung teilnehmen möchte oder nicht. Mit dem Beginn einer Ansprache oder eines Aufmarschs wird die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Bühne gelenkt, wodurch gleichzeitig weniger Aufmerksamkeit für Selbstkontrolle zur Verfügung steht. Die Personen auf der Bühne versuchen die Emotionen des Publikums zu steigern. Dieser Prozess des emotionalen Aufschaukelns setzt sich aber unabhängig von der Bühne im Publikum fort, denn die emotionalisierte Masse dient sich selbst als Spiegel: Durch die Personen im Umfeld werden die eigenen Emotionen aufgeschaukelt. Das geschieht bis zu einem Punkt, an dem sich die aufgebauten Emotionen und Spannungen, durch Jubel, Bewegung und gelegentlich auch Gewalt entladen. Laut einem Modell des Soziologen Herbert Blumer wirken Individuen dann wie verwandelt.

Mehr Verantwortung kommt den Einzelnen im Modell des Psychologen Clark McPhail zu. In diesem behalten die Teilnehmenden gerade während der Interaktion mit den Personen in ihrer Umgebung im Lauf der Massenveranstaltung ihre Fähigkeit rational und kritisch zu argumentieren und zu handeln. Sie sind sogar hoch konzentriert, weil das Wechseln zwischen dem Verhalten in der Kleingruppe und in der Menschenmenge Konzentration und Bewusstsein erfordert.

Kritische Masse?

Für Thomas Alexander Mann ergründet sich der Charakter von Massenveranstaltungen im Spannungsfeld von Emotion und Ratio. Seine Grundannahme dabei ist, dass eine solche affektive Zustimmung bei Massenveranstaltungen weder Zwang voraussetzt, noch einer bestimmten politischen Richtung oder Ideologie zuzuordnen ist. Und damit hat der Autor wohl auch recht, denn alleine anhand von Filmmaterial kann gezeigt werden, dass sich die Teilnehmenden während nationalsozialistischer Massenveranstaltungen nicht in einem permanenten, selbstvergessenen und leicht steuerbarem Rauschzustand befinden - obwohl auch dieses Phänomen zeitlich begrenzt und nicht alle Anwesenden umfassend vorkommen kann.

Es gibt aber auch Personen, die in die Kamera winken, desinteressiert am Geschehen scheinen oder sich in kleinen Gruppen unterhalten, obwohl Rede und Aufmarsch noch andauern. Das lässt darauf schließen, dass die Teilnehmenden sich weiterhin auf ihr eigenes Handeln konzentrieren können, ihr Handeln ist ihnen nach wie vor bewusst. Die Frage allerdings, weshalb sich Menschen überhaupt dazu entschieden haben, nationalsozialistische Veranstaltungen zu besuchen, kann mit diesen Theorien nicht geklärt werden.

Die Diplomarbeit: "Emotionale Vergemeinschaftungen. Zur Politischen Soziologie der Emotionen. Ein Erklärungsversuch des sozialen Prozesses 'Massenbegeisterung in zeitlich befristeten politischen Massenveranstaltungen (temporary gatherings)' ist unter textfeld.ac.at im Volltext hier nachzulesen.

Der Autor

Thomas Alexander Mann (Jg. 1968, Mag. rer. soc. oec.) hat Soziologie an der Universität Wien studiert und ist freiberuflich in der Erwachsenenbildung tätig.

Die Rezensentin

Julia Hofbauer (Jg. 1983, Bakk. phil) studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft an der Universität Wien.






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Igor Gassner
00
29.6.2009, 10:22
Wieso sind diese Bilder schwierig zu begreifen ?

Österreich lebte in der klerikalen Diktatur die Nationalsozialisten waren dezitiert Antiklerikal.
Die Österreicher waren arbeitslos vom großen "Bruder" erwartete man sich Arbeit. Deutschland war früher eien Art Amerika mitten in Europa.
keiner nahm die Demokratie ernst weder die Sozis noch die Kommunisten noch die Bürgerlichen wer hätte sie denn verteidigen sollen ?

Also wieso sollten die Leute nicht jubeln. Dazu kam noch der Mythos der Reichsvereinigung 1938 war die Trennung Österreichs von Deutschland erst ca 80 Jahre her ( Auflösung des deutschen Bundes) Wien war die ehemalige Residenzstadt des Reiches.

Mein anderer Nick ist beeindruckender
03
10.2.2009, 16:21
Sind wir nicht alle ein bisschen Herr Karl?

Die einen mehr, die anderen weniger.

Antimonetarier
01
10.2.2009, 09:23
Gedränge, viele Begeisterte und einige Neugierige auf dem Wiener Heldenplatz. Diese Bilder, im kollektiven Gedächtnis der ÖsterreicherInnen, sind für die nachkommenden Generationen nur schwierig zu begreifen.

stimmt, das hab ich mir während der EM 08 auch gedacht..

mountaineer
00

Chapeau!

Nick Tameer
01
Le style c'est la Kommunikationswissenschaftlerin!

"Die Rezensentin studiert ... Kommunikationswissenschaft ..." - ah, und da flutscht sie doch gleich, die Kommunikation:

"Für" (XY) "ergründet sich der Charakter von Massenveranstaltungen im Spannungsfeld von Emotion und Ratio."

"Und damit hat der Autor wohl auch recht, denn alleine anhand von Filmmaterial kann gezeigt werden, dass sich die Teilnehmenden während nationalsozialistischer Massenveranstaltungen nicht in einem permanenten, selbstvergessenen und leicht steuerbarem Rauschzustand befinden - obwohl auch dieses Phänomen zeitlich begrenzt und nicht alle Anwesenden umfassend vorkommen kann."

Glasklare und leicht fassliche Aussagen!

mountaineer
00

Deshalb ist ja der Ruf der KoWi so schlecht!
Weitgehend sinnfreie Aussagen, ausgebreitet auf großem (Text-) Raum. Da verschwimmt halt die Trennschärfe zwischen den Textgattungen "Feuilleton einer Frauenzeitschrift" und "Für Wissenschaftler ansprechende Rezension".

porco rosso
 
04
früher ging auf die straße wer wissen wollte was passiert

das sollten wir uns wieder angewöhnen.
heute wird den leuten mit fernseh-propaganda ins
hirn geschissen.
übrigens der hunger wurde absichtlich herbeigeführt damit die propaganda wirkt. die politik folgt immer dem prinzip problem/reaktion/lösung oder wie es die fm ausdrücken: ordo ab chao

mountaineer
00

Und was war mit der Propagandamaschinerie, die Hitler aufgezogen hat? Das war doch die erste medial erzeugte Massenverblödung der Weltgeschichte, oder etwa nicht?

Gladius1
06
Lustig!

Das Heute immer die Fotos der NS-Propaganda verwendet werden - auf den Originalen sieht man nämlich das garnicht so viele Menschen am Heldenpaltz waren. Wer die Originale kennt weiss das es riesige lücken in der Menschen menge gibt (Rund um die Denkmäler, und die Wiese auf der seite des Volksgartens ist nur mässig gefült). Wahrscheinlich will man mit diesen NS-Propaganda Bildern eine gewisse Vorstellung am Leben erhalten um weiter politisch Korekt agieren zu können. ^^

mountaineer
01

Als Geschichtestudent hoffe ich für den Autor, dass in der Arbeit nicht (unreflektiert) auf Propagandamaterial zurückgegriffen worden ist. In der Tat gibt es nicht viel gutes Material, um das zahlreiche propagandistische zu kontrastieren.
Andererseits vertraue ich auf die Fähigkeiten des Betreuers, der wohl darauf verwiesen hätte.

- photonmaniac -
00

das wusste ich gar nicht, sehr spannend.

haben sie links zu originalbildern, beziehungsweise kann man die in der nationalbibliothek finden?

mountaineer
00

Es gibt in der Tat ebendort spärliches Material (auch einzelne Videos), das ganz andere Bilder liefert. Sie sind enorm wertvoll, finde ich.
Ein Propagandafilm ist oft nicht viel authentischer als ein Hollywoodfilm und deshalb für Analysen, die darauf aufbauen sollen, sehr problematisch.
Lediglich die "Gemachtheit" des vorliegenden (Propaganda-)Materials ist es wert, analysiert zu werden.

Gladius1
00
Denke schon!

Ein paar Bilde sind glaub ich im Buch "Wien unter dem Hackenkreuz".

krähwinkel
02
propaganda-bilder und realität

Sowohl die NS-Filmpropaganda mit ihrem Zensurieren leerer Flächen auf dem Heldenplatz wie auch der physische und psychische Druck auf Regime-kritische Personen bei der "Abstimmung" über die Annexion Österreichs (ebenfalls beschrieben in meiner Diplomarbeit) dürfen in wissenschaftlichen Untersuchungen nicht unbeachtet bleiben. Doch dies ändert nichts am Kern des Phänomens an sich: der immer entstehenden massiven sozialen Dynamik zwischen den in Massen versammelten Menschen, gleichwohl unter politischen Parolen wie unter dem Einfluss von (Pop-)Musik, Sport-Events u.ä.m.

mountaineer
10

"Realität" ist für den modernen Historiker ohnedies ein hochproblematischer Begriff. Wo ist sie, die "Realität von 1938" (z. B.)

Marie Antonia die Nette
 
00

... genau ... und in diesen riesigen Lügen, äh, Lücken sind die ÖsterreicherInnen gestanden.

Die hier abgebildeten Massen, waren doch alles nur deutsche SchlachtenbummlerInnen ... eh kloar, so schauts aus ... ;-)

duke box
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aus dem bild oben habens den karl schranz wegretouchiert!

Marie Antonia die Nette
 
00
Massen ...

...gleich welcher Art, waren mir immer suspekt und sind es auch heute noch ...!

Die einzige Art von Menschenmassen die ich akzeptiere sind besoffene BesucherInnen von Rockkonzerten ...

Aber alles andere ... Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht ...

Mathias
 
00
16.2.2009, 14:57
besoffene BesucherInnen von Rockkonzerten

Da sind mir aber angeheiterte friedvolle Metalheads doch viel sympathischer ;-)

Auch die meisten nicht gewaltbereiten Sportfans sind viel viel sympathischer ... und vergessen dürfen wir nicht die tausenden Pfadfinder, welche jährlich irgendwo auf der Welt ihre Treffen haben ...

invodaseibua
00
Ja und?

Wen bitte interessiert Ihre kleinkarierte Sicht der Dinge?

hcankned
 
01
opportunismus und mitläufertum waren dem/der österreicherin

schon immer eine gute entscheidungshilfe.

derpradler
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da wird hineingeheimst....

Der wahre Grund war der Hunger. Der große Teile der österrechischen Bevölkerung hat ganz einfach der Futterschüssel zugejubelt!

Nick Tameer
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Herrchen Adi gibt seinen schwanzwedelnden Hunderln Happihappi bzw. Schappi - eine Art Raubtierfütterung?

eine kleine dezime
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textfeld ist ja ur geil!!!

No_lD
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tztz

gäbe es das tiefe, menschliche gefühl des getrennt-seins nach der geburt nicht, würden auch keine dieser extremen soziologischen massen- "phänomene" zu beobachten sein.
Hier wird das fast offensichtliche, ursächliche wieder einmal verdrängt und statt dessen liest man eine nihilistische abhandlung, die aus eigener beobachtung entstehen hätte können.
= dinge (artikel), die die welt nicht braucht.
(aber der science.webstandard denkt da offenbar anders)

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