"Ringen ums Überleben"

3. Februar 2009, 20:34
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Der Missbrauch von Darwins Theorien unter Hitler wirkt bis heute nach

Julia Voss hat ein großes Anliegen, was das Darwin-Jahr 2009 hierzulande bringen sollte: "Am wichtigsten wäre es, einen neuen Boden bei der Darwin-Rezeption einzuziehen", so die junge Wissenschaftshistorikerin im STANDARD-Gespräch. "Viel von dem, was auch noch meine Generation im Biologieunterricht erfahren hat, war noch durch den Nationalsozialismus gefiltert."

Die heute 34-jährige Darwin-Spezialistin und FAZ-Journalistin sei ursprünglich selbst noch befangen gewesen, als sie sich ernsthafter mit Darwin zu beschäftigen begann. Rechtzeitig zum Darwin-Jahr hat sie unter anderem eine lesenswerte Einführung in das Werk Darwins vorgelegt (Junius Verlag), in dem sie unter anderem auch zeigt, warum Darwin selbst gewiss kein Rassist gewesen ist.

Dennoch wurde für Voss die "Evolutionstheorie vom Nationalsozialismus zu einem ideologischen Kern ihrer rassistischen Weltanschauung" erklärt. Und dazu haben viele Biologen das Ihre dazu beigetragen. Einer von ihnen war der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der 1940 in einer NS-Biologielehrerzeitschrift "die grundsätzliche und ursächliche Verflochtenheit von Rassenlehre und Entwicklungsgedanken" betonte: Jene Studierenden und Biologen seien die überzeugtesten Nationalsozialisten, die von der Abstammungslehre und ihrer Bedeutung am stärksten durchdrungen seien.

Doch wie direkt waren die Beziehungen zwischen der Evolutionstheorie, der Eugenik, dem Rassismus und dem Völkermord des NS-Regimes tatsächlich? Führte tatsächlich ein direkter Weg From Darwin to Hitler, wie dies etwa der Kreationist Richard Weikart in seinem gleichnamigen Buch behauptete?

Es gibt jedenfalls eine sehr verworrene Rezeptionsgeschichte, an der nicht zuletzt auch die frühen deutschen Darwin-Popularisatoren Schuld trugen. Der wichtigste von ihnen war Ernst Haeckel (1834-1919), der die Evolutionstheorie explizit in den Dienst politischer Ideologie stellte und den unterschiedlichen Wert von "Rassen" wissenschaftlich begründen wollte.

Viele spätere NS-Rassentheoretiker waren zweifellos von Darwins Theorien bzw. ihrer ideologischen Popularisierung beeinflusst und dachten sie in ihrem Sinne weiter. Sie haben Darwins "struggle for existence" in der Natur zum gesellschaftlichen "Kampf ums Dasein" radikalisiert, der letztlich auch die Ermordung Behinderter rechtfertigte. Und dass die NS-Mörder an der Rampe in Auschwitz von "Selektion" sprachen, war wohl auch kein bloßer Zufall. (Darwin selbst übrigens wollte den Begriff der "natürlichen Selektion" später durch jenen der "natürlichen Erhaltung" ersetzen.)

Juia Voss jedenfalls hat bereits einen kleinen Beitrag zur "Entnazifizierung" bzw. zu einer neuen Rezeption Darwins geleistet: In ihrem empfehlenswerten Darwin-Lesebuch (S. Fischer) wurde der "struggle for existence" nicht mehr als "Kampf ums Dasein" übersetzt, sondern angemessener als "Ringen ums Überleben". (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 04.02.2009)

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