"Keine Wahl zwischen Gott und Wissenschaft"

3. Februar 2009, 20:22
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Der US-amerikanische Wissenschafter Glenn Branch glaubt ein Rezept zu haben, wie man den Kreationisten beikommen kann

STANDARD: Von Europa aus wirkt die Auseinandersetzung mit den Kreationisten in den USA wie der Kampf mit einer vielköpfigen Hydra. Alle sechs Monate hebt er in einem anderen Bundesstaat sein Haupt. Wie sehen Sie das?

Branch: Ich bin grundsätzlich optimistisch. Zuvor waren wir stets damit beschäftigt, Buschfeuer auszutreten, also schnell zu reagieren, wenn in einem Schulbezirk einmal wieder der Kreationismus im Biologieunterricht gelehrt werden sollte. Jetzt gehen wir daran, die Büsche zu beseitigen. Aber wir machen uns auch keine Illusionen. Der Kreationismus ist tief in der Kultur der USA verwurzelt, es wird sehr lange dauern.

STANDARD: Braucht es also eine Lobby gegen den Kreationismus wie Ihre Organisation?

Branch: Ja, der Verweis auf Wissenschaft und Vernunft allein reicht nicht. Die Kreationisten sind extrem gut organisiert und besonders finanzstark. Um dagegenzuhalten, müssen wir uns vernetzen, offensiv Politik und Medien ansprechen. Dabei dürfen wir die Menschen aber nicht vor die Wahl Gott oder Wissenschaft stellen.

STANDARD: Global betrachtet glaubt wohl nur eine Minderheit der Menschen an die Evolutionstheorie, oder?

Branch: Stimmt schon, die Frage ist aber, ob die anderen, also die Mehrheit, die Evolutionstheorie kennen und diese bewusst ablehnen. Eine ausformulierte Theorie des Kreationismus entstand nämlich erst als Reaktion auf die Evolutionstheorie.

STANDARD: Wie verlässlich sind die Umfragen, die die Verbreitung der Evolutionstheorie zu erheben suchen?

Branch: Die Ergebnisse hängen ganz eindeutig auch davon ab, wie gefragt wird. Studien haben gezeigt, dass der Befragte versucht, Antworten zu geben, von denen er glaubt, dass sie der Meinung des Fragestellers entsprechen. Kommen also etwa religiöse Begriffe wie Gott oder Bibel vor, wird die Umfrage mehr Kreationisten hervorbringen, als wenn neutraler gefragt wird, ob Menschen aus früher existierenden Spezies hervorgegangen sind. Kommt hingegen das Wort Affe öfter vor, scheint die Zustimmung zur Evolutionstheorie zu sinken. Menschen mögen es wohl nicht, mit den Affen verwandt zu sein.

STANDARD: Wird der Kreationismus eigentlich auch politisch instrumentalisiert?

Branch: Manche Formen des Kreationismus sind mit verschiedenen Ausprägungen von Ethno-Nationalismus verbunden. Also ganz nach dem Motto: Wir waren zuerst hier. Das behauptet zum Beispiel die nationalistische Hindu-Partei BJP (Bharatiya Janata Party, Anm.) in Indien. Auch die indianischen Ureinwohner in den USA argumentieren manchmal genauso, da geht es allerdings um Ansprüche auf Land.

STANDARD: Wie wird es - global gesehen - mit dem Thema Kreationismus weitergehen?

Branch: Es wird turbulent. Die Bevölkerung in Südamerika, Afrika und weiten Teilen Asiens ist wenig säkularisiert, offen für Wunder und Zeichen. Im Zuge der "Globalisierung des Südens" werden sich evangelikalisches Christentum und Islam und damit wohl auch der Kreationismus weiter ausbreiten, und zwar in einer Form, die den lokalen Umständen angepasst ist. So ist für Evangelikale wichtig, dass die Welt erst vor wenigen Tausend Jahren geschaffen wurde, während Muslime sehr gut mit einer alten Erde leben können. Und wie heißt es so schön: Der Kreationismus evoluiert, selbst wenn alles andere das nicht tut. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Printausgabe, 04.02.2009)

Zur Person
Glenn Branch ist stellvertretender Direktor des National Center for Science Education (NCSE) im kalifornischen Oakland. Er gilt als einer der schärfsten Kritiker des Kreationismus und dessen Ablegers "Intelligent Design".

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