Ein Gelehrter mit Gorilla

3. Februar 2009, 20:05
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Bilder spielten eine zentrale Rolle bei der Durchsetzung der Evolutionstheorie - Besonders hilfreich waren dabei Karikaturen, wie die deutsche Historikerin Julia Voss zeigt

Das Geheimnis des Werdens, der ewige Wandel des Lebens, hochästhetisch gezeichnete Quallen. Und immer wieder Affen: als Kunstrichter, als Betrachter eines Affenskeletts und dazu noch jede Menge haarige und muskelbepackte Urmenschen, die als Missing Link zu "uns" imaginiert werden.

Am Donnerstag öffnet in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main die Ausstellung "Darwin. Kunst und die Suche nach den Ursprüngen" mit Werken von Arnold Böcklin, Gabriel von Max, Alfred Kubin, Ernst Haeckel und vielen anderen. Die Ausstellung dokumentiert den vielfältigen Einfluss der Evolutionstheorie auf die Kunst. (Eine Rezension der Ausstellung erscheint am kommenden Freitag im Standard.)

Das Verhältnis von Bild und Theorie ist aber durchaus ein wechselseitiges. Erst durch den Einsatz visueller Mittel, des Stammbaums etwa, vor allem aber auch der Karikatur, konnte Darwins Lehre sich so schnell in der Öffentlichkeit durchsetzen. Dies hat vor allem die deutsche Wissenschafts- und Kunsthistorikern Julia Voss in ihren jüngsten Publikationen immer wieder betont.

Der Mensch stammt vom Affen ab - so falsch diese Formel auch ist (richtig: wir haben gemeinsame Vorfahren), als so durchschlagkräftig erwies sie sich bei der Popularisierung der Evolutionstheorie. Schon kurz nach der Veröffentlichung von Darwins Hauptwerk "Über den Ursprung der Arten" 1859 turnten die Affen durch den britischen Blätterwald. Die Leser amüsierten sich und verloren gleichzeitig den Schrecken vor der Vorstellung, dass Menschen aus anderen Arten hervorgegangen sind.

Die Rolle des Humors

Humor spielte eine wesentliche Rolle bei der Akzeptanz von Darwins neuer Lehre, argumentiert Voss. Höchst hilfreich war auch das markante Äußere des Meisters selbst.

Zahllose Karikaturen zeigten Darwin mit langem weißen Bart und anmontiertem Affenkörper. Darwin störte dies im Übrigen überhaupt nicht, wohl mit einem Lächeln auf den Lippen schnitt er alle Karikaturen von sich fein säuberlich aus und legte sie in eine eigene Mappe ab, die sich heute in der Cambridge University Library befindet. An den Bildern über ihn hat sich bis heute wenig geändert: Sogar im Jubiläumsjahr 2009 zeigen sich die Verlage wenig kreativ: Fast jedes zweite Cover der zahlreichen neuen Darwinbücher zeigt den bärtigen Gelehrten gemeinsam mit einem Gorilla.

Weißer Rauschebart

Der alte Darwin, mit weißem Rauschebart, tiefliegenden Augen und enigmatischem Blick wurde schon zu Lebzeiten zu einer Ikone. Tausendfach fand sein Porträt Verbreitung, schon seine Freunde scherzten über den neuen Moses, der dem Volk die Gesetze der Natur brachte. Neben Einstein ist Darwin wohl der meistabgebildete Wissenschafter aller Zeiten, seit 2000 prangt er auch auf der britischen Zehnpfundnote und seit wenigen Wochen auch auf einer Briefmarke.

Anders als bei Albert Einstein oder Isaac Newton wurde sogar seine Theorie nach ihm benannt: der Darwinismus. "Sein Name, sein Bild, seine Theorie sind unauflösbar miteinander verbunden", schreibt Voss. Sie hat auch herausgearbeitet, welche zentrale Rolle die Bilder selbst für die Formulierung der Evolutionstheorie spielten. Dabei nutzte Charles Darwin die visuellen Konventionen des 19. Jahrhunderts für seine eigenen Zwecke. Beispiel Geologie: Die Darstellung übereinandergeschichteter Sedimente verwandelt sich unter Darwins Grafitstift zur Geschichte der Natur, zur Abfolge riesiger Zeiträume.

Beispiel Zoologie: Taxonomische Karten, die seinerzeit nur dazu dienten, die Spezies zu ordnen, deutet Darwin in Verwandtschafts- und Abstammungsverhältnisse um. "Wozu kein Menschenleben reicht, um es in Echtzeit zu beobachten, das zeigt das Bild auf einen Blick: die Akkumulation kleiner Wirkungen über Jahrmillionen", so Voss.

Darwin, selbst ein grottenschlechter Zeichner, dachte in, durch und mit Bildern. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Printausgabe, 04.02.2009)

Julia Voss: "Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie 1837-1874", 379 S., € 13,40,

Fischer TB, Frankfurt/Main 2007 Julia Voss: "Charles Darwin zur Einführung", 217 S., € 14,30, Junius, Dresden 2008

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