Das ist Evolution

3. Februar 2009, 19:21
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Am 12. Februar vor 200 Jahren wurde Charles Darwin geboren, und vor 150 Jahren erschien sein Hauptwerk "Über die Entstehung der Arten" - Was Sie schon immer über Darwin und die Evolution wissen wollten - und was auch Darwin noch nicht wissen konnte

Frage: Hatte Darwin eigentlich einen akademischen Abschluss? Und war er je an einer Universität tätig?

Antwort: Darwin hat in Cambridge immerhin drei Jahre lang ein Grundstudium in Theologie absolviert und mit einem Bakkalaureat abgeschlossen. Das war es dann aber auch schon wieder mit seinen universitären Leistungen. Sein übriges Leben lang war er, wie nicht ganz untypisch im viktorianischen England, Privatgelehrter. Die Berufsbezeichnung "Scientist" war zwar 1833 von William Whewell erfunden worden, setzte sich dann aber erst im 20. Jahrhundert durch.

Frage: Kam Darwin bei seiner Weltreise auf den Galápagos-Inseln der "evolutionäre Geistesblitz"?

Antwort: Entgegen allen langlebigen Mythen aus dem Biologieunterricht: nein. Die Bedeutung der Galápagos-Finken und ihrer verschiedenen Schnabelformen dämmerte ihm erst allmählich. Da war er längst schon nach England zurückgekehrt. Die Darwin-Finken sind nur ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie aus ursprünglich einer Art andere Arten hervorgingen - durch räumliche Trennung und Anpassung an ein bestimmtes Nahrungsangebot.

Frage: Stimmt es, dass Darwin sich 20 Jahre lang nicht traute, seine Theorie zu veröffentlichen - aus Angst vor erzürnten Reaktionen der Kirche und der eigenen Ehefrau?

Antwort: Ziemlich sicher nicht. Die 23 Jahre, die zwischen dem Ende seiner Weltreise (1836) und der Veröffentlichung seiner Evolutionstheorie (1859) vergingen, war Darwin schlicht mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt. Ein Buch über die winzigen Rankenfüßer kostete ihn allein acht Jahre. Der Perfektionist Darwin sammelte minutiös Beleg um Beleg und publizierte sein Hauptwerk erst, als Alfred Russel Wallace mit einer fast identischen Theorie aufwartete. Seiner frommen Frau hatte er seine unfrommen Gedanken übrigens schon früh anvertraut.

Frage: Wie revolutionär waren Charles Darwins Theorien für seine Zeit?

Antwort: Dazu gibt es aus jüngerer Zeit einige neue Einschätzungen. Fraglos hat Darwin mit seiner Theorie ganz maßgeblich zur Veränderung der Biologie und unseres Weltbilds beigetragen. Doch in der Wissenschaftsgeschichte geht man seit einigen Jahren davon aus, dass die "Revolution" Darwins keine typische Revolution war und nicht nur auf ihn selbst zurückging, wie etwa die Harvard-Wissenschaftshistorikerin Janet Browne meint, die Autorin der ultimativen zweibändigen Darwin-Biografie. Die Idee des Wandels in der Natur sei gewissermaßen in der Luft gelegen, wozu unter anderem auch Darwins Großvater Erasmus Darwin oder der Zoologe Jean-Baptiste Lamarck und andere beigetragen haben.

Frage: Ist die Evolution 150 Jahre später weiterhin bloß eine Theorie?

Antwort: Fast könnte man das glauben, wenn man sich eine Frage des letzten Pisa-Tests (2007) für Schüler hernimmt. Laut den Verantwortlichen trifft auf die Evolutionstheorie nämlich folgender Satz am besten zu: "Die Evolution ist eine wissenschaftliche Theorie, die sich gegenwärtig auf zahlreiche Beobachtungen stützt." Tatsächlich ist die Evolution ein natürlicher Vorgang, für den in den vergangenen 150 Jahren ganze Berge von unwiderlegten Beweisen zusammengetragen wurden. Um mit Ernst Mayr, dem wohl wichtigsten Evolutionsbiologen des 20. Jahrhunderts zu sprechen: "Evolution ist keine Theorie mehr, sondern schlechterdings eine Tatsache."

Frage: Was hat Darwin mit dem "Survival of the Fittest" gemeint?

Antwort: Zuerst einmal muss man sagen, dass der Begriff gar nicht von ihm stammt, sondern vom befreundeten Journalisten und Philosophen Herbert Spencer. Der hat den Begriff 1864 erstmals verwendet, und Darwin hat ihn dann ihn dann 1869 in die fünfte Auflage seines Hauptwerks Über die Entstehung der Arten übernommen. Im Englischen heißt "to fit" so viel wie "passen, anpassen"; "Survival of the Fittest" bedeutet entsprechend "Überleben des am besten an seine Umwelt Angepassten". Als Beispiel für mangelnde Fitness führte Darwin unter anderem das Wollhaarmammut an, das trotz seiner Größe und Stärke ausstarb.

Frage: Von welchem Affen stammt denn der Mensch nun ab?

Antwort: Ein anderes beliebtes Darwin-Missverständnis: Der Homo sapiens stammt nicht vom Affen ab, jedenfalls nicht von heute lebenden Arten. Richtig ist vielmehr, dass Affe und Mensch gemeinsame Vorfahren haben, dass sich unsere gemeinsame Abstammungslinie vor etwa sechs bis acht Millionen Jahren aufspaltete. Die eine Linie führte dann zu den Schimpansen, unseren nächsten Verwandten, die andere letztlich zu uns. Die Linien, die zum heutigen Gorilla und zum Orang-Utan führten, zweigten schon mehrere Millionen Jahre davor ab. Alle "dazwischenliegenden" Arten sind ausgestorben (siehe Seite 17).

Frage: Wie schnell vollzieht sich eigentlich die Evolution?

Antwort: Schnell ist in dem Fall relativ. Eine Maßeinheit für das Tempo der Evolution ist das "Darwin", das die Änderung eines äußerlichen Merkmals um den Faktor e (etwa 2,718) über den Zeitraum von einer Million Jahre angibt, also zum Beispiel eine Längenzunahme um das 2,718fache.

Frage: Lassen sich evolutionäre Vorgänge in Echtzeit also gar nicht beobachten?

Antwort: Doch, aber nur in Ausnahmefällen. Das Forscherehepaar Rosemary und Peter Grant konnte ausgerechnet an zwei der 13 Darwin-Finkenarten auf den Galápagos-Inseln zeigen, dass Anpassungen bereits innerhalb einer Generation neue Verhältnisse schaffen können. Auf einer der Inseln überlebten bei einer Trockenperiode jene Vertreter einer bestimmten Finkenart, die einen dickeren Schnabel hatten und damit größere Samen knacken konnten. Als dann eine andere Art mit einem größeren Schnabel auf der Insel auftauchte, passten sich die einheimischen Vögel abermals an - indem sich ihre Schnäbel wieder verkleinerten.

Frage: Wie lange dauert es, bis eine neue Art entsteht?

Im Normalfall geht es um Zeiträume von Hunderttausenden oder eher Millionen von Jahren. Bei den Vögeln hat man erst kürzlich die Geschwindigkeit der am schnellsten artbildenden Tiere errechnet: Wie Evolutionsbiologen um Jared Diamond kürzlich im Fachblatt im Fachblatt PNAS (30. 1.) berichteten, schaffen die im pazifischen Raum verbreiteten Brillenvögel in einer Million Jahre 1,95 bis 2,63 neue Arten. Schneller geht es im Tierreich nur bei den Buntbarschen im Viktoria- und Malawisee.

Frage: Und was weiß die Wissenschaft über das Vergehen der Arten?

Antwort: Die Evolutionsbiologie hat in der Zwischenzeit auch die durchschnittliche Lebensdauer der Arten errechnet: Bei Wirbeltieren beträgt sie etwa sechs bis zehn Millionen Jahren - zumindest bis zum Auftreten des Menschen, der seit vergleichsweise kurzer Zeit für eine starke Beschleunigung beim Artensterben sorgt.

Frage: Aber der Mensch ist doch die Krone der Schöpfung, Pardon: die Spitze der Evolution?

Antwort: Das kann man so oder so sehen. Gewiss gibt keine andere Art des Planeten, die sein Aussehen in kürzester Zeit so sehr verändert hat wie die Vertreter von Homo sapiens. Und auch in Sachen "Intelligenz" sind wir wohl anderen Arten überlegen - auch wenn davon auszugehen ist, dass "Bewusstsein" auch schon bei vielen Tierarten vorhanden ist. Nimmt man allerdings die Überlebensdauer auf der Erde als Erfolgskriterium, dann sind uns Bakterien oder Küchenschaben allemal überlegen. Von der Spitze der Evolution zu reden ist auch insoferne problematisch, weil die Evolution kein zielgerichteter Vorgang ist, der irgendwohin läuft.

Frage: War Darwin ein Darwinist?

Antwort: Das kommt darauf an, was man unter Darwinismus versteht. Schon 1860, als Darwins Verteidiger Thomas Huxley den Begriff erfand, war nicht ganz klar, ob es dabei bloß um Darwins Evolutionstheorie oder doch auch um Ideologisches ging. Faktum ist, dass das, was heute Sozialdarwinismus bedeutet - also die Anwendung des "Survival of the Fittest" auf die Gesellschaft - damals Teil des Darwinismus war (siehe auch Seite 19). Vom Kenntnisstand des sogenannten Neodarwinismus bzw. der Synthetischen Evolutionstheorie wiederum trennten Darwin mehr als ein halbes Jahrhundert.

Frage: Was hat es mit dieser Synthetischen Evolutionstheorie auf sich und was ist das Neue daran?

Antwort: Die Synthetische Evolutionstheorie ist eine Erweiterung der Evolutionstheorie von Charles Darwin durch die Erkenntnisse der Zellforschung, Genetik und Populationsbiologie. Sie wurde in den 1930er-Jahren durch Evolutionsbiologen wie Ernst Mayr, Theodosius Dobzhansky und Julian Huxley begründet und war im Wesentlichen eine Synthese der Theorien Darwins mit der Mendel'schen Vererbungslehre und der damaligen Genetik.

Frage: Haben die Erkenntnisse der modernen Molekularbiologie Darwins Lehre verändert?

Antwort: Die Molekularbiologie hat große Beiträge zum Wissen über den Evolutionsprozess geleistet. Die fundamentale darwinistische Einsicht in die Bedeutung von Variation und Selektion wird dadurch aber in keiner Weise beeinflusst. Und so gilt für die modernen Lebenswissenschaften nach wie vor, was Theodosius Dobzhansky bereits vor einigen Jahrzehnten über die Bedeutung von Darwins fundamentaler Entdeckung geschrieben hat: "Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution." (Oliver Hochadel und Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 04.02.2009)

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    Ein beliebtes Darwin-Missverständnis: Der Homo sapiens stammt nicht vom Affen ab, jedenfalls nicht von heute lebenden Arten. Richtig ist vielmehr, dass Affe und Mensch gemeinsame Vorfahren haben.

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