Träume von der türkischen Bombe

3. Februar 2009, 18:14
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Das umstrittene iranische Atomprogramm ist in türkischen Internetforen ein echter Renner - Perspektiven von Gudrun Harrer

Die Emotionen der Bürger gehen eben manchmal nicht ganz konform mit der Staatsräson: Und deswegen ist das umstrittene iranische Atomprogramm in türkischen Internetforen ein echter Renner. Nicht nur, dass die Türken die Iraner dafür bewundern, dass sie mit ihrer Urananreicherung dem Westen die Stirn bieten, viele würden auch die Anschaffung von iranischen Atomwaffen unterstützen. Und nicht wenige sagen: "Das wollen wir auch."
Wenngleich vereinzelt, kann man das inzwischen auch von öffentlichen Figuren hören, beschreibt Mustafa Kibaroglu, Politologe an der Bilkent Universität in Ankara, in einem Artikel in Middle East Policy.

Nicht dass eine türkische Atombewaffnung ernsthaft zur Debatte stünde - der Konsens des politischen Mainstreams lautet weiterhin, dass ein Ausscheren aus der Nonproliferationsphilosophie den Interessen der Türkei ernsthaft schaden würde. Aber Ankaras Unsicherheit, wie man mit der aufstrebenden Nuklearmacht Iran umgehen soll, schafft für allerhand Gedankenspiele Raum.

Das türkische Dilemma kommt nicht von ungefähr. In den vergangenen Jahren hat sich vieles verändert im türkisch-iranischen Verhältnis. Die beiden alten Großmächte, die auf jahrhundertelange komplizierte, aber meist stabile Beziehungen zurückblicken können, waren seit der Islamischen Revolution im Iran, aber besonders in den 1990ern auf Crash-Kurs gewesen: durch den versuchten islamischen Revolutionsexport (der iranische Botschafter in Ankara hetzte offen gegen den türkischen Säkularismus), durch Teherans Duldung von PKK-Verbindungen in den Iran und nicht zuletzt durch den Wettbewerb um Einfluss im Kaukasus und in Zentralasien. Gleichzeitig waren die türkischen Beziehungen zu Israel auf einem Höhepunkt, 1996 wurde das Militärabkommen geschlossen.

Die Wende kam nach 2001, als die Türken sehr emotional auf die antiislamischen Gefühle im Westen nach 9/11 reagierten: für Kibaroglu einer der Gründe dafür, dass die AKP im November 2002 überhaupt gewählt wurde. Die amerikanische Irak-Invasion 2003, zu der die Türkei Hilfestellung verweigerte, und die von den Amerikanern geförderte Kurden-Autonomie im Nordirak (nach islamistischen Verschwörungstheorien ein israelisches Komplott) taten ein Übriges. Dazu kam eine langsame Entfremdung von der Nato und das dauernde Gefühl der Zurückweisung durch die EU. Plötzlich entdeckte man gemeinsame regionale Interessen mit Teheran - und in der Folge einiges Verständnis für das iranische Atomprogramm. Wobei sich Nationalisten und Islamisten in seltener Eintracht treffen, die einen im Namen von "nationaler Würde" , die anderen wegen der "islamischen Sache" gegen Israel.

Das soll jetzt alles nicht heißen, dass die türkische Regierung glücklich über die iranischen Nuklearambitionen ist, im Gegenteil. Mit dem Aufstieg von Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad stieg die Sorge vor den hegemonialen Ambitionen des Iran. Aber angesichts der Unterstützung in der türkischen Öffentlichkeit für das iranische Atomprogramm sei die Regierung unwillig, den Iran offen herauszufordern, schreibt Kibaroglu. "Vermittlungsversuche" verliefen leise und erfolglos. Die Stunde der Wahrheit für die Türkei könnte jedoch bald kommen: Sie sitzt nun im UNO-Sicherheitsrat und ebenso im Gouverneursrat der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO).

Einig ist man sich in Ankara, dass die Türkei den Weg zur zivilen Nutzung der Atomkraft beschreiten wird. Man wird sehen, welche aus dem Atomwaffensperrvertrag resultierende technologischen Rechte sie dann in Anspruch nehmen wird, welches Land dabei helfen wird, diese auch zu erfüllen - und wann die ersten Gerüchte über ein geheimes Waffenprogramm auftauchen. Die türkisch-iranischen Beziehungen sind gut: Teheran schätzt Premier Recep Tayyip Erdogans Israel-Kurs - und in der Türkei ist das iranische Atomprogramm äußerst populär. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2009)

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