"Jerichow": "Die Figuren genießen den Untergang"

3. Februar 2009, 18:12
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Der Film "Jerichow" lotet ein Dreiecksverhältnis aus, in dem Geld über Gefühle triumphiert - Regisseur Christian Petzold im STANDARD-Interview

Standard: Herr Petzold, in "Jerichow" bestimmen die ökonomischen die Liebesverhältnisse. Man weiß nie genau, welcher Antrieb stärker ist: Geld oder Liebe?

Petzold: Harun Farocki, mit dem ich meine Drehbücher gemeinsam schreibe, sagt immer, ihm sei nichts mehr zuwider als eine Liebe, die auf nichts fundiert. Die einfach nur aus dem Gefühl kommt. Als ob es ein Gefühl gäbe, dass außerhalb unserer Welt vorhanden ist und einfach abgerufen werden kann. Als ob die "wahre Liebe" etwas wäre, das über Klassenschranken hinweggeht.

Standard: Also ist ein Raum jenseits der Ökonomie für Laura (Nina Hoss) und Thomas (Benno Fürmann) überhaupt nicht denkbar?

Petzold: An der Ökonomie finde ich erst einmal überhaupt nichts Verwerfliches. Wenn aber aus Ökonomie ein
reiner Geldtausch wird, wenn sich Ausbeutungsverhältnisse einstellen, dann tritt etwas hinzu, das furchtbar ist. Darum geht es in Jerichow. Um eine zerstörte Liebesökonomie: Der Mann, Ali (Hilmi Sözer, Anm.), kauft sich
eine Frau, und die Frau, Laura, lässt sich ausbeuten. Das vergiftet das Verhältnis.

Standard: Der Film lässt Bezüge auf bekannte US-Genres erkennen wie Film noir oder Melodram. Das ist neu für Ihre Arbeiten. Warum haben Sie sich daran orientiert?

Petzold: Ich frage mich immer, warum die Amerikaner, die in Studios drehen, Stars verpflichten und Plots haben, die wie Tauschwerte immer neu formiert werden, warum also diese Filmemacher trotz alledem mehr über ihr Land erzählen können als viele der sogenannten "realistischen" Heimatfilme aus Europa. Obwohl die Amerikaner für die ganze Welt produzieren, erzählen sie etwas von sich und von ihrem Land. Das beeindruckt mich. Genres sind wie Grammatiken, mit denen man jedes Mal eine andere Geschichte erzählen kann.

Standard: Und dennoch ist von Anfang an klar, dass die heimliche Liebe zwischen Thomas und Laura keine Zukunft haben wird. Die Genre-Formel bietet ihnen keinen Ausweg.

Petzold: Alle Genre-Geschichten sind Untergangsgeschichten. Alle Western sind traurig, jeder Film noir ist tragisch. Trotzdem steckt in ihnen unfassbare Lebensfreude. Die Figuren, die dem Untergang geweiht sind, genießen das. Bevor der Untergang eingeleitet wird, bevor der Bankraub stattfindet, ist die Situation auswegslos. Erst durch die kriminelle Energie wird das Leben plötzlich wieder sinnlich.

Standard: Sieht man den Film und blättert man das begleitende Presseheft durch, lernt man zwei neue Wörter: "Gurkenflieger" und "Heimat-Building" . Beide meinen Unterschiedliches, haben aber gemeinsam, dass sie Altes und Neues, Regionales und Fernes verbinden.

Petzold: "Heimat-Building" habe ich erfunden oder zumindest anderswo noch nie gehört. "Heimat" und "Building" geht eigentlich nicht zusammen. Dadurch kriegt das Wort etwas Fremdartiges. Es trifft den Film aber, weil die Figuren in ihm etwas Ähnliches probieren. Sie sind in die Gegend, in der sie leben, nicht hineingewachsen, diese hat sie längst abgestoßen, weil sie sie ökonomisch nicht mehr ernähren kann. Also versuchen die Figuren, etwas aufzubauen, das schon lange verschwunden ist. Man kann es so sagen: Der Kapitalismus entzaubert die Welt, und die Figuren wollen sie mit Geld wieder verzaubern. Diese Unmöglichkeit versuchen sie. Und Gurkenflieger gibt es ja wirklich.

Standard: Ein Fahrzeug, auf dem man bäuchlings liegend Gurken erntet. Thomas, der aus dem Kriegseinsatz in Afghanistan zurückkehrt, wird in solch einem Gurkenflieger eingesetzt ...

Petzold: In der Nähe des Drehortes befindet sich das "Bombodrom" ...

Standard: ... ein Militärgelände im Norden von Brandenburg, das als Übungsplatz für Bombenabwürfe und Tiefflüge vorgesehen ist ...

Petzold: ... und da flogen dann die Tornados über unsere Köpfe hinweg. Da kamen mir jede Menge Bilder in den Kopf: von Vietnam, den Reisbauern, den US-Luftangriffen. Das war ein unglaublicher Drehort. Übrigens war das das letzte Jahr, in dem dort Gurkenflieger zum Einsatz kamen. Künftig werden Spreewaldgurken in China und in der Türkei angebaut.

Standard: "Jerichow" handelt von Leidenschaften und Kontrollverlust. Zugleich ist der Film selbst in Bildkomposition und Rhythmus streng kontrolliert. Ein Widerspruch?

Petzold: Ich kontrolliere weder den Darsteller noch die ihn umgebende Landschaft. Das Einzige, was ich andauernd überprüfe, ist: Wer erzählt denn gerade? Alle anderen Fragen, etwa die, wo ich die Kamera hinstelle, hängen von der Antwort auf diese eine ab. Natürlich gibt es eine Komposition, und die muss kontrolliert sein. Es geht nicht ohne Arbeit. Für die Schlussszene allein haben wir sieben Tage gebraucht. Jeder, der glaubt, man könne Gefühle einfach so runterfilmen, sollte sofort seine Sachen packen. Es gilt zu dem Punkt zu kommen, um den es geht. Und darum, den ganzen Ramsch, den man mit sich rumschleppt, wieder loszuwerden. Man muss eine Menge Gewicht abwerfen, bis der Ballon fliegt.

(Dietmar Kammerer, DER STANDARD/Printausgabe, 04.02.2009)

Ab Freitag im Kino

 

Zur Person:
Christian Petzold (48) studierte an der "dffb" in Berlin Filmregie. Für das Familiendrama "Die innere Sicherheit" erhielt er den deutschen Filmpreis. "Gespenster" und "Yella" festigten seine Position als einer der bedeutendsten deutschen Autorenfilmemacher.

  • Dreieck der Ausbeutung: Thomas (Benno Fürmann, li.), Laura (Nina Hoss)
und ihr Mann Ali (Hilmi Sözer) steuern in Christian Petzolds "Jerichow"
auf den Abgrund zu.
    foto: stadtkino

    Dreieck der Ausbeutung: Thomas (Benno Fürmann, li.), Laura (Nina Hoss) und ihr Mann Ali (Hilmi Sözer) steuern in Christian Petzolds "Jerichow" auf den Abgrund zu.

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