Todestrance unter Gläubigen

3. Februar 2009, 17:44
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Das Opus-Dei-Filmdrama und Gewinner des Premio Goya "Camino" sorgt in Spanien für Kontroversen

"Spaniens Da Vinci Code" - so bezeichnete man zum Kinostart im Oktober Javier Fessers Film Camino (deutsch: "Der Weg"), zugleich der fiktive Name der Hauptfigur, eines 14-jährigen, todkranken Mädchens, das dem ultrakonservativ-katholischen Orden Opus Dei angehört. Nicht von ungefähr spielt Camino somit auch auf das Buch des Opus-Gründers José María Escrivá Balaguer ("El Camino" ) an. Die Aphorismensammlung wurde in 43 Sprachen übersetzt.

Der richtige Name des Mädchens war Alexia Gónzalez Barros (1971-1985), und ihr Schicksal zog das Spanien der 1980er-Jahre in den Bann. Alexia starb, verliebt in einen Jungen namens "Jesus" aus ihrer Nachbarschaft, nach zehnmonatigem Leiden an einem Tumor im Rückenmark: gelähmt, im Kreis der Familie, umgeben von Priestern - angeblich gar von "Viva" -Rufen begleitet. Seither steht ihre Seligsprechung im Raum.

Goya-Preisregen

"Ich muss gehen", flüstert Camino zum Auftakt des Filmdramas, das auch El País-Kritiker Carlos Boyero "durchlitt" , schrieb er doch: "Es tut gut, sich vorzustellen, was wir sehen, sei Fiktion. Ist es aber nicht." Bis zum Preisregen bei der Goya-Gala am vergangenen Sonntag sahen Camino mehr als 250.000 Menschen - durchaus ein Kassenerfolg. Der Film gewann Spaniens begehrtesten Filmpreis in sechs von sieben nominierten Kategorien, darunter für den besten Film und für die beste Regie sowie wichtige Darstellerpreise - beste Nachwuchsdarstellerin wurde Nerea Camacho Ramos als anfangs lebensfrohe, dann sukzessive den Tod umarmende Camino.

Das Opus Dei habe sich am Leid Alexias für seine "Ziele" bedient, lautet die heftigste Kritik von Regisseur Fesser. Im Gegenzug empörte sich die Bischofskonferenz darüber, dass der Film den Orden "als herrschsüchtige, obskure Sekte dargestellt hat". Alexias Familie ist nach wie vor bei Opus Dei aktiv. "In keiner Weise hat es Kooperationen mit dem Filmteam gegeben", empörte sich Alexias Bruder Alfredo über das Filmprojekt.

Fesser nahm nach der Premiere am Filmfestival von San Sebastián die anfangs enthaltene Widmung an Alexia heraus, um die Wogen ein wenig zu glätten. Bei der Goya-Verleihung übte er allerdings wieder Kritik: "Ich habe dutzende herzliche Menschen befragt, allesamt sind sie gefangen im Opus." Mit dem Film wollte er die "Todestrance einer Ordensfamilie um den Verlust ihres Kindes zeigen", sagte der Regisseur, der bereits 2007 mit einem Kurzfilm für einen Oscar nominiert war.

Camino ist das erste Spielfilmdrama des Ex-WerbefilmersFesser. Ob der Film in Österreich anlaufen wird, ist noch ungewiss. Dem neuen Weihbischof von Linz, Gerhard Maria Wagner, der schon Harry-Potter-Romane für anstößig hält, würde er jedenfalls bestimmt nicht gefallen. (Jan Marot aus Granada, DER STANDARD/Printausgabe, 04.02.2009)

  • Martyrium und Erlösung: Nerea Camacho Ramos wurde für den Titelpart von "Camino"  mit einem Goya prämiert.
    foto: festival san sebastián

    Martyrium und Erlösung: Nerea Camacho Ramos wurde für den Titelpart von "Camino" mit einem Goya prämiert.

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