Szenarien einer Stadtgeburt

3. Februar 2009, 16:46
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Wien-Aspern und Graz-Reininghaus: Der Umstand, dass man derzeit gleich zwei Stadterweiterungsgebieten im Embryonalstadium beim Werden zusehen kann, hat Seltenheitswert. Und regt zu einem Vergleich an

Grüne Wiese, viel Asphalt, grauer Beton. Von allen Seiten weht eisiger Wind. Am Horizont Hallen, Silos, Totenstille. Und doch könnten die beiden Stadterweitungsareale in Wien und Graz nicht unterschiedlicher sein.

Auf der einen Seite das ehemalige Flugfeld Aspern, auf dem in klassischer stadtplanerischer Manier auf 200 Hektar Fläche ein neuer Stadtteil für Wien entsteht. Der Masterplan, der im Rahmen eines städtebaulichen Wettbewerbs entschieden wurde, stammt vom schwedischen Architekten Johannes Tovatt und sieht im Großen und Ganzen eine eingedellte Ringstraße rund um einen künstlich angelegten See vor. Geht alles nach Plan, sollen in den kommenden zwanzig Jahren 9000 Wohnungen und bis zu 25.000 Arbeitsplätze entstehen.

Verschiedene Herangehensweisen

Auf der anderen Seite Graz-Reininghaus: Auch hier sollen der Stadt auf einer Fläche von 54 Hektar Wachstumshormone verabreicht werden. Seit drei Jahren wird bereits getüftelt und diskutiert, werden Planer und Konsulenten zu Rate gezogen, werden Veranstaltungen und Workshops abgehalten. Mittlerweile kristallisiert sich ein einheitliches Bild des Wollens heraus. Heimat für 12.000 Menschen soll sie werden. Noch existiert die Stadt nur in den Köpfen. Einen Plan gibt es bis dato nicht.

"Ich tue mir schwer, die beiden Projekte miteinander zu vergleichen", sagt Raimund Gutmann, Sozialwissenschafter und Institutsleiter von wohnbund consult, "nicht nur, weil ich in beiden Projektentwicklungen beteiligt war, sondern auch, weil die beiden Herangehensweisen wirklich von Grund auf verschieden sind."

Zwar handle es sich beim Masterplan für Aspern eindeutig um historischen Städtebau, doch wenn man dem Konzept treu bleibe, dann könne sich daraus ein funktionierender und lebendiger Stadtteil entwickeln. "Ich denke, dass die konservative Form des Städtebaus durchaus interessant sein kann."

Konservativ, das bezeichnet im Jargon der Stadtplaner und Architekten eine Stadtteilentwicklung in klar festgelegten Schritten: Vorsehen der nötigen Infrastruktur auf Basis eines Masterplans, Parzellierung der Grundstücke, Entwicklung der Projekte, Ausschreibung von Architekturwettbewerben.

A23 als Planungskomponente

"Ganz so ist es nicht" , sagt Kurt Hofstetter, Zielgebietsbeauftragter der Stadt Wien, Abteilung Stadtentwicklung und Stadtplanung. "Wir haben schon im Vorfeld die Anrainer in die Entscheidungsfindung miteingebunden. Ganz nach dem Motto: Was muss geschehen, damit die Bevölkerung das Projekt akzeptiert?"

Die ersten Projekte sollen noch heuer fixiert werden. "Ob sich die Ringstraße eines Tages tatsächlich schließen wird oder nicht, hängt in erster Linie vom Bau der A23 ab" , erklärt Hofstetter. "Wenn die nicht kommt, dann schaffen wir keine hochleistungsfähige Individualanbindung an die Stadt und müssen die Projektgröße wohl oder übel reduzieren." Derzeit sei man im Gespräch mit der Asfinag.

Während in Aspern sogar schon PR-Agenturen am Werk waren und der Stadt einen eigenen Namen mitsamt Logo ("Seestadt" ) verpassten, wird in Graz noch eifrig debattiert. Keine Autobahnprobleme, kein Branding, kein konkreter Schritt.

"Ein Masterplan hat in Zeiten wie diesen nur bedingt Berechtigung" , erklärt Architekt Andreas Kleboth, stadtplanerischer Intendant von Graz-Reininghaus. "Wir bekennen uns daher klar zum Wachstum und entwickeln vorerst einmal Perspektiven und Inhalte."

Funktionsmix

Was heißt das konkret? Derzeit arbeitet die Asset One Immobilienentwicklungs AG, Grundstückseigentümerin der Reininghaus-Gründe, eine Charta mit klar definierten Zielen aus. Diese beinhalten Überlegungen zum Funktionsmix im gesamten Gebiet, zu Nutzungsszenarien der Erdgeschoßzonen, zur demografischen Entwicklung der Bevölkerung, zur Mobilität, zum Einsatz neuer Energien sowie zu Wohnwünschen von jungen Menschen.

Im Herbst werde man so weit sein, die Expertisen zu filtern und in einen sogenannten "städtebaulichen Rahmenplan" einfließen zu lassen. Dann soll auch der erste Wettbewerb ausgeschrieben werden. Spätestens in einem Jahr möchte man den ersten Investor an Bord holen. Baubeginn ist 2011.

Fazit nach der ersten Runde? "Das Wichtigste ist, dass man einen planerischen Entschluss fasst und diesen konsequent durchzieht" , meint Raimund Gutmann. "Ob das Konzept aufgeht oder nicht, hängt letztendlich aber von den Soft Skills ab." Ein neuer Stadtteil, so Gutmann, entstehe nicht durch die Aneinanderreihung von Bauwerken und abstrakten Haushalten, sondern durch die Menschen.  (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.2.2009)

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