Sonnenstadt mit Schatten

3. Februar 2009, 16:42
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Die Solar-City in Linz ist ein Pionierprojekt des ökologischen Städtebaus. Bewohner und Fachleute stellen der Satellitenstadt ein gutes Zeugnis aus

Doch die Alltagsprobleme sind die gleichen wie überall sonst

Die Solar-City im südöstlichsten Zipfel von Linz kann man schön finden. Muss man aber nicht. Tatsache ist: Die meisten Wohnhäuser entstanden zu einer Zeit, als der ökologische Massenwohnbau noch in den Kinderschuhen steckte. Und das sieht man den Häusern auch an. Ein Pultdach reiht sich ans andere, dazwischen drängen sich Wintergärten und Glashäuser. Hoch oben auf den Häusern sind Sonnenkollektoren aufgeständert und gieren wie hungrige Gottesanbeterinnen nach der Kraft des Feuerballs. So sahen sie aus, die Anfänge des ökologischen Massenwohnbaus.

"Vom technischen Standpunkt sind wir heute natürlich schon viel weiter als noch vor fünf oder zehn Jahren" , sagt der Linzer Planungsstadtrat Klaus Luger (SPÖ). Die Solartechnologie habe sich stark verbessert, mittlerweile sei sie auch besser in die Architektur integriert. "Aber darum geht es nicht. Das Besondere an der Solar-City ist nämlich, dass innerhalb von kürzester Zeit ein Stadterweiterungsgebiet für 3000 Bewohner entstanden ist, von denen der Großteil sehr zufrieden ist."

Dies schlage sich unter anderem in einer für den Mietwohnbau außergewöhnlich geringen Fluktuationsrate nieder, so Luger. Wirklich aussagekräftig ist diese allerdings noch nicht. Nachdem der letzte Baukran erst 2005 abgebaut wurde, gibt es für die insgesamt 1300 Wohnungen bisher noch keine langfristigen Werte.

Ökologisches Musterprojekt

Laut einer Umfrage, die im Jänner 2007 durchgeführt wurde, ist die Solar-City zwei von drei Linzern bekannt. Sie wissen darüber Bescheid oder waren selbst bereits dort. 70 Prozent von ihnen haben eine positive Meinung, nur bei jedem Zehnten stößt die sonnige Satellitenstadt auf Misstrauen und Widerwillen. Kein schlechtes Zeugnis. Vergleicht man die Werte mit diversen anderen Stadterweiterungsgebieten in Österreich, könnte man sogar von einem Musterprojekt sprechen. Doch woran liegt das?

Die Idee, im Süden von Linz einen neuen Stadtteil mit ökologischem Schwerpunkt zu errichten, entstand 1990. Die Niedrigenergie-Bauweise, allen voran die Nutzung der Sonnenenergie, war nur ein Fokus von vielen. Hauptaugenmerk war, eine Stadt in der Stadt zu bauen – mitsamt klar definiertem Zentrum, grünem Freiraum an der Peripherie und einer fix fertigen Infrastruktur von der ersten Stunde an.

Auf Basis eines umfassenden Masterplans für den Raum Pichling, entwickelt 1992 vom mittlerweile verstorbenen Roland Rainer, erstellte der Wiener Architekt Martin Treberspurg eine Bebauungsplanung. Diese wiederum diente den insgesamt zwölf unterschiedlichen Architekturwettbewerben als planerische Grundlage. Experten meinen, dass man in der Herangehensweise an die Solar-City Linz aus den Fehlern des üblichen Siedlungsbaus gelernt habe.

"Wir haben von null auf begonnen" , sagt Architekt Treberspurg. "Als Erstes haben wir das Mikroklima untersucht und haben überprüft, ob von der nahe gelegenen Voest mit irgendwelchen belastenden Emissionen zu rechnen ist. Parallel dazu gab es eine wissenschaftliche Studie, die den optimalen Wohnungsmix festlegte." Erst danach erfolgte der Startschuss für die eigentliche Planung.

Vier Architekten, die gemeinhin zu den kompetentesten in ganz Europa zählen, waren in der ersten Bauphase beteiligt. Richard Rogers plante den nördlichen Teil, Norman Foster den südlichen, Renzo Piano kümmerte sich um den Osten, Thomas Herzog um den Westen. Doch nicht alle lieferten Pläne, die ihren vorauseilenden Rufen auch gerecht wurden. Acht weitere Architekten aus Oberösterreich planten daraufhin die Gebäude der Bauphase 2. Gesamtbaukosten beider Bauabschnitte inklusive Infrastruktur: 210 Millionen Euro.

Stadt der kurzen Wege

"Im Nachhinein betrachtet bin ich nicht sehr glücklich mit allen Projekten" , erklärt Treberspurg, "es gibt enorme Qualitätsunterschiede in der Architektur." Zurückzuführen sei dieser Umstand nicht zuletzt auf die wirtschaftliche Situation im gemeinnützigen Wohnbau. "Architektenhonorare und Baukosten sind knapp bemessen, man muss schon clever und ökonomisch planen, um über die Runden zu kommen."

Wirklichen Grund zur Klage gebe es allerdings nicht. Als prototypisches Stadterweiterungsprojekt, so der Architekt, sei die Solar-City gelungen. "Es ist eine Stadt der kurzen Wege, in der alle Distanzen zu Fuß zurückgelegt werden können. Wo gibt es das schon?"

Manko: Öffentlicher Verkehr

Seit Baubeginn ist die Solar-City begehrtes Studienobjekt für Architekten und Studenten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. "Wir bieten im Monat durchschnittlich zwei bis drei Exkursionen an. Die Nachfrage will einfach nicht abbrechen" , erklärt Planungsstadtrat Luger. Sichtbar werden die wenigen, aber dringlichen Probleme, mit denen die Bewohner der neuen Stadt zu kämpfen haben, bei der Architekturrundschau allerdings nicht.

Das große Manko ist die öffentliche Anbindung."Es gibt nur eine Straßenbahnlinie, die ins Stadtzentrum von Linz 30 Minuten braucht" , so Luger. "Die ÖBB haben zugesagt, dass im Zuge des vierspurigen Ausbaus auf der Westbahnstrecke eine Schnellbahnverbindung zum Hauptbahnhof entstehen würde." Die Dauer der Fahrt würde sieben bis acht Minuten betragen. Nun wurde der Fertigstellungstermin der Schnellbahnlinie von 2009 auf 2014 verschoben. Damit bleibt die Schattenseite der Sonnenstadt bis auf Weiteres bestehen. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.2.2009)

Buchtipp

Martin Treberspurg, Stadt Linz. solarCity Linz Pichling. Nachhaltige Stadtentwicklung. Springer Verlag 2008, 44,95 Euro

  • Solar-City, Lunaplatz: In der Mitte der Satellitenstadt, benannt nach Schwester Mond, findet sich ein Großteil der Infrastruktur sowie die öffentliche Anbindung an Linz - derzeit nur mittels Bim.
    Foto: Magistrat der Stadt Linz

    Solar-City, Lunaplatz: In der Mitte der Satellitenstadt, benannt nach Schwester Mond, findet sich ein Großteil der Infrastruktur sowie die öffentliche Anbindung an Linz - derzeit nur mittels Bim.

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    foto: magistrat der stadt linz
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